Kia EV6 GT-line AWD und Nissan Ariya Nismo

Das Familien-SUV ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Gemeinsame Ausfahrt mit zwei Vertretern dieses friedfertigen Segments in den schönen Wienerwald.

Elektromobilität bringt Hochleistung in den Mainstream

Schuld ist natürlich die Elek­tromobilität. Wegen der haben jetzt so viele Autos mehrere hundert PS, zumindest in der sehr kurzzeitigen Spitzenausprägung, womit plötzliche Beschleunigungsstöße vollinhaltlich umfasst sind. Derartige Leistungsmöglichkeiten erweitern das Portfolio der Hersteller beträchtlich. Sportlichkeit ist immer beliebt, SUVs sowieso, und schon haben wir Autos wie die beiden hier vorliegenden.

Preisklasse jenseits der 60.000 Euro – Was bieten Kia und Nissan?

Dagegen ist nichts zu sagen. Keines der beiden ist ein unbequemes Brettl. Sie sind groß, ziemlich komfortabel, schauen gut aus und in ihren hier getesteten eher starken bzw. Auszuck- Varianten sogar noch besser, und sie vermitteln ein Potenzial, das man abrufen kann, oder auch nicht. Das hat natürlich alles seinen Preis: Wir haben hier einen Kia und einen Nissan (also keinen BMW oder Mercedes), die sich jenseits der 60.000 Euro aufhalten. Man könnte fast von kaufmännischen Experimenten sprechen: Was geht hinein bei den Leuten? Freilich, es wäre ein faires Experiment, man bekommt ja was fürs Geld. Und zwar, trotz des im Grunde gleichen Segments, doch recht Unterschiedliches. Der Ariya, seit 2022 auf dem Markt, ist als Nismo (Nissan Motorsport) ganz neu. Den EV6 gibt es ähnlich lange, die Baureihe bekam jüngst eine Überarbeitung.

Fahrdynamik und Leistungscharakteristik der beiden Elektro-SUVs

Nissan Motorsport also. Beim Ariya hat man das nicht so eng genommen. Er ist höher und schwerer als der EV6, schon rein optisch ein ziemlicher Brocken. Die Zweifarbenlackierung mit Grau und Schwarz ist außerordentlich kleidsam, die roten Streifen ergänzen gefühlvoll. Schönes Auto, im Rahmen seiner Möglichkeiten als gewichtiges SUV. Und eines mit angemessen Brutalo, gerade noch verträglich. Ein Sprint auf hundert in fünf Sekunden war in den alten Zeiten geradezu ferraroid, heute aber ist das nur noch was eher Gutes, so Mittelmaß halt.Positiver ausgedrückt: Die Beschleunigung des Nismo ist super, aber es wird einem nicht so schlecht dabei wie in anderen E-Autos, die sich sportlich nennen. Die Nismo-Taste auf der Mittelkonsole kann man drücken, dann tut sich wohl mehr, aber an sich könnte sie in diesem Auto ein ähnliches Schicksal erleiden wie Entsafter und Hometrainer zu Hause. Das Auto kann auch so schon genug. Beim Kia mussten wir zur zweitstärksten Version greifen, um Entsprechendes zum stärksten Ariya zu haben. Mit dem GT haben die Kia-Leute zwar ein Offensivsystem geschaffen, das schon Richtung Porsche schaut (260 km/h, 3,5 Sekunden auf hundert). Unser GT-Line AWD hingegen gibt es deutlich bescheidener: 188 km/h und 5,3 Sekunden, also auch weniger als beim Nissan. Und doch fühlt sich der Kia etwas schneidiger an. Das mag eingebildet sein oder auch wirklich daran liegen, dass er ein bissl niedriger und leichter ist als der Nismo und dass er insgesamt sportlicher designt ist. Beim Kia leistet der Heckmotor mehr als der Frontmotor, beim Nissan ist das zwar nominell gleich, aber auch dort ist das Allradsystem hecklastig orientiert, maximal 60:40 für hinten, was beiden Autos ein bissl den Hang zum Übersteuern nehmen mag. Bevor es zum Übersteuern kommt, müsste man aber noch die psychologische Barriere überwinden, mit einem großen, vergleichsweise hohen 2200- Kilo-Auto etwa auf einer kurvigen Landstraße mit links und rechts Bäumen überhaupt in einen einschlägigen Tempobereich zu kommen (ohne darüber nachzudenken, wie denn das jetzt wäre, würde man wo einschlagen). Und ohnehin stehen alle fahrdynamischen Maßnahmen in stetem Konkurrenzverhältnis mit den Regelungssystemen (ESP), die der Dynamik mit Leistungsbeschneidungen die Spitzen nehmen. Wenn das passiert, ist man aber tatsächlich eh schon zu schnell. Das Gewicht, die Gewichte, spürt man umso mehr, je kurvenschneller man wird. Das ist logisch, aber bei Autos wie diesen ein sehr unmittelbar und intensiv spürbarer Faktor.Für Beschleunigungsüberfälle von höherer Observanz reicht’s aber allemal und bei beiden. Das Ampelheizerl gegen einen Rolls-Royce Dawn kann man riskieren, wenn man zum Beispiel seine systemkritische Veranlagung ausleben möchte.

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