Praxistest Range Rover P530: Majestät lassen bitten

In der geländegängigen Luxusklasse war ein Range Rover viele Jahre ganz allein in Wald und Flur unterwegs. Nicht nur Bentley Bentayga und Rolls-Royce Cullinan haben ihm diesen Sonderstatus im absoluten Top-Segment inzwischen streitig gemacht, auch Porsche Cayenne und Maserati Levante knabbern heute an seinem Status. Seit der neue Range Rover auf dem Markt ist, stellen sich Kunden die Frage, ob er wieder einen Vorsprung herausfahren kann?

Aus Sicht von Land Rover Deutschland erscheint der neue Range Rover keinen Tag zu früh. Zwischen 2019 und 2021 hat sich die Anzahl der Neuzulassungen hierzulande fast halbiert. Dazu kommt, dass große und schwere Pkw zunehmend ein Imageproblem haben, denn Sparsamkeit ist das Thema der Zeit. Range Rover will dem Rechnung tragen, indem zwei Plug-In-Hybride bald das Modell-Portfolio ergänzen. Sie sollen bis zu 100 Kilometer emissionsfrei fahren können.

Zunächst ist ein 4,4 Liter großer Achtzylinder die Topmotorisierung, die wir als ,,First Edition“ gefahren sind. 530 PS werden in dem aufgeladenen Triebwerk zubereitet und 750 Newtonmeter Drehmoment auf die Kurbelwelle gestemmt. Das soll ausreichen, um den Fünf-Meter-Trumm in 4,6 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h zu beschleunigen. Ganz so fix war der Testwagen freilich nicht zu bewegen, was vor allem an dem nicht gerade idealen Wettkampf-Gewicht gelegen haben dürfte. Laut technischer Daten des Herstellers soll das Modell P530 exakt 2510 Kilogramm (ohne Fahrer) wiegen, die gefahrene First Edition wog 2720 Kilogramm.

Sackweise elektrische Stellmotoren

Das reicht für zwei Kompakt-Pkw. Aber Range Rover meint es eben auch gut mit seinen Kunden und hat die First Edition bis unters Panorama-Glasdach mit edlen (und in der Summe leider gewichtigen) Sonderausstattungen vollgepackt. Dazu gehören 23-Zoll-Alufelgen, Wärmeschutz- bzw. Akustik-Verglasung rundum, beleuchtete Einstiegsleisten aus Metall, das Kühlfach in der Mittelkonsole und ein Soundsystem mit 35 Lautsprechern. An Bord gibt es nur wenig, was manuell bewegt werden kann. Dass die zweiteilige Heckklappe elektrisch öffnet und schließt, darf in dieser Preisklasse vorausgesetzt werden, aber braucht auch die Laderaumabdeckung eine Automatik? Die Masse der Stellmotoren dürfte einen Gutteil des Übergewichts ausmachen, allein in einem Sitz sollen es gut 60 davon sein.

Das Multimediasystem im Fond ist ebenfalls Teil des First-Edition-Pakets und eine feine Sache für die hinten Sitzenden, denn es kann auf langen Autobahn-Passagen für Unterhaltung sorgen. Doch leider macht es den Range Rover, zumindest, wenn man sich für die Version mit normalem Radstand entscheidet, auch eine Spur weniger praktisch und funktional. Die beiden 11,4-Zoll-Displays sind im Wege, wenn man die rückwärtigen Komfortsessel nebst voluminöser Kopfstützen (natürlich elektrisch) umklappen will. So sind die 1841 Liter Ladevolumen (nach Quader-Messmethode) nicht zu nutzen. Sind die Vordersitze soweit Richtung Frontscheibe verschoben, dass die Lehnen der zweiten Reihe vollständig umgelegt werden können und der vergrößerte Kofferraum zur Verfügung steht, können dort jedoch nur noch Kinder sitzen.

Dieser Schwachpunkt erstaunt umso mehr, als an einigen Details zu erkennen ist, dass die Entwickler mit viel Akribie nach Verbesserungspotenzial gesucht und es auch gefunden haben. Da sind zum Beispiel die beleuchteten Gurtschlösser, die das Anschnallen im Dunkeln erleichtern oder der Helligkeitssensor, der die Displaybeleuchtung automatisch anpasst, wenn etwa eine Tunneldurchfahrt mehr Strahlkraft erfordert. Die Dreifach-Belegung der Drehschalter zur Klimaregulierung bedarf zwar einer gewissen Gewöhnung, dient aber der Reduktion von Bedienelementen im Cockpit.

Relaxen unter der Heckklappe

Die majestätische Sitzposition des Lenkenden rund 90 Zentimeter über Straßenniveau wird zu Recht geschätzt, der Range Rover kann aber auch ,,in die Knie“ gehen, wenn schweres Gut im mit dickem Teppich ausgeschlagenen Gepäckraum verstaut werden soll. Die minimale Höhe des als Laderampe (elektrisch) ausgeklappten unteren Teils der Hecktür beträgt komfortable 70 Zentimeter, die höchste Einstellung 86 cm. Der untere Klappenteil trägt 350 Kilo Gewicht und lädt mittels aufstellbarer Notsitze auch zum Verweilen beim Picknick ein.

Trotz der geringen Gummiüberdeckung der riesigen Räder sind Einbußen beim Fahrkomfort nicht wahrnehmbar. Die toll abgestimmte Luftfederung bügelt alles an Unebenheiten aus, was Fahrbahnen mit Reparaturstau zu bieten haben. Meist schwebt es sich so milde dahin, dass zuweilen ist ein kleines Nachwippen zu spüren ist. Die Kabine ist erstklassig geräuschisoliert, den Rest eliminiert der Gegenschall, der über die Lautsprecher in den Innenraum abgegeben wird.

Die Beinfreiheit in der zweiten Reihe ist (beim SWB-Modell) nicht ganz so üppig, wie es drei Meter Radstand vermuten ließen. Das liegt daran, dass die wulstigen Polster der Sessel viel Platz beanspruchen. Mit 1,55 Metern vorn und 1,50 Metern hinten ist die Kabine aber so geräumig, dass jederzeit Wohlfühlatmosphäre herrscht. Damit die auch bei zügiger Kurvenfahrt nicht verloren geht, verfügt das Fahrzeug über einen Wankausgleich. Der kann jedoch nicht vollständig verhindern, dass sich die knapp 1,90 Meter hohe Karosse in manchen Kurven zur Seite neigt und so daran erinnert, dass es Grenzen der Physik gibt.

Wendig durch Allradlenkung

Überlegenheit bei Leistung und Komfort, so sieht man es beim britischen Hoflieferanten, sollen Kunden aber nicht dazu verleiten, den Range Rover als SUV anzusehen. Er soll als Geländewagen gelten, weshalb er mit allem ausgerüstet ist, was die Technik zur souveränen Bewältigung von Herausforderungen jenseits der Straße zu bieten hat. Die Luftfederung kann die Bodenfreiheit bis auf fast 30 Zentimeter erhöhen, Getriebeuntersetzung, Sperrdifferenziale, Bodenkameras und eine Wattiefe von 90 Zentimetern lassen keine Wünsche offen. Die Frage ist eher, wie oft ein familiär genutzter Range Rover ein größeres Hindernis zu überwinden hat, als die Bordsteinkante vor dem Kindergarten.

weiterlesen auf motorzeitung.de

Diese Woche meistgelesen:

JAGUAR F-PACE

Ein SUV und dennoch ein Jaguar, wie er sein...

HONDA ERWÄGT NEUEN SPORTWAGEN

Honda feiert 2023 sein 75-jähriges Bestehen. Die Japaner könnten...

Where did you come from, Cotton-Eye Joe?

Tag 2 ist nun auch durch. Ich sitz im...

Honda ZR-V im Test

Honda hat eine neue Lücke im Modellprogramm entdeckt. Zwischen...

Treffen Sie diese 21-jährige Landy-Liebhaberin auf ihrem schlammigen Weg zum Glück

Durch die Dokumentation ihrer Liebes- und gelegentlichen Hassbeziehung zu...

Honda ZR-V fährt in die SUV-Lücke

Honda baut seine SUV-Flotte aus und füllt die Lücke...

Volvo plant neuen Elektro-Van für China

Volvo will 2023 sechs neue Elektro-Baureihen auf den Markt...

Zuletzt gepostet

Aufgewärmt schmeckt nur a Gulasch? Von wegen!

Es gibt dieses bekannte österreichische Bonmot, das besagt: Wiederaufflammende...

Vereinfachte Bedienung: Volvo bringt sein größtes Over-the-Air-Update aller Zeiten

Volvo rollt sein bislang größtes Over-the-Air-Update aus. Millionen Kunden,...

Vollelektrischer Volvo EX30 gewinnt renommierten „Good Design®“-Award

Nächste Auszeichnung für den Volvo EX30: Das kleinste Modell...

Der Volvo EX30: Mehr Auswahl für den Kleinsten

Der Volvo EX30 startet ins neue Modelljahr 2027: Eine...

Test Volvo XC60: Keine Experimente beim Mittelklasse-SUV

Der Volvo XC60 wurde für das Modelljahr 2026 überarbeitet,...

Volvo ES90: Leiser Riese kann alles, außer Gefühle

Volvo setzt sein schwedisch-kühles Crossover-Flaggschiff ES90 gegen die deutsche...

Volvo EX90: Komfortabler Elektro-Riese im Test

Größer, edler und rein elektrisch: Volvos großes Elektro-SUV EX90...

Volvo V60 im Deutschland?Check: Lohnt sich der Kombi 2026 noch?

Der Volvo V60 gilt als einer der letzten echten...
spot_img