Eigentlich waren wir an diesem Abend von der Sightseeing-Stadtrundfahrt völlig bedient. Und eigentlich hatten wir nach der Tour auch schon üppig geschmaust – zur Erinnerung: Im Hotelzimmer wartete immerhin noch eine halbe *Pizza Fritta*, die leise vor sich hin schwitzte.
Aber meine Frau lag mir unerbittlich in den Ohren: Sie wollte unbedingt nochmal zu *Nennella*, um die berühmten „Dancing Waiter“ über die Tische wirbeln zu sehen.
Nun ja, was solls. Mittlerweile habe ich die 50 geknackt. Und wenn es ein tanzender neapolitanischer Kellner ist, der das Herz meiner Gattin höherschlagen lässt, dann soll es eben so sein. Nichts leichter als das!
Der Plan scheitert an der Völkerwanderung
Also machten wir uns frisch und schlenderten auf dem bereits bestens bekannten Pfad in Richtung *Trattoria da Nennella*. Doch als wir um die Ecke bogen, traf uns fast der Schlag: Das sah völlig anders aus als am Tag zuvor!
Eine schier endlose Menschenschlange stauchte sich vor dem Lokal. Dutzende hungrige Seelen warteten ungeduldig auf freiwerdende Tische. Der kleine Zehn-Minuten-Fußmarsch hatte in der Zwischenzeit leider auch meinen Magen wieder aufgeweckt. Hunger stellte sich ein – und stundenlang in der Kälte herumstehen? *No, grazie.*
Außerdem stresst es mich ungemein, wenn ich gemütlich kauen will und mir draußen eine genervte Meute ins Genick starrt, um meinen Platz zu erben. Kurzgesagt: Zum leichten Leidwesen meiner Frau habe ich eiskalt umdisponiert.
Griechische Vibes mitten in Neapel
Wir schlenderten also weiter durch die nächtliche Altstadt, genehmigten uns im Spanischen Viertel ein, zwei, drei Gläschen Wein und landeten schließlich bei der **Pizzeria e Trattoria Sannino**.
Erster Eindruck? Nun ja. Aufgrund der blau-weißen Bestuhlung und der gesamten Optik sah der Laden spontan eher wie eine Taverna auf Mykonos aus als wie ein neapolitanisches Pizza-Mekka. Aber der Hunger war groß, der Pegel angenehm – wir gaben dem Laden eine Chance.
Im Innenraum gab es eine überschaubare Handvoll Tische. In Österreich würde man das wohl liebevoll als *„etwas erweiterte Würstelbude“* bezeichnen. Im vorderen Bereich befand sich eine kleine Bar und direkt dahinter der mächtige Pizzaofen, an dem ein pizzabackender Meister emsig seiner Arbeit nachging. In der Ecke baumelte ein kleiner Fernseher, vor dem ein älterer Herr saß (wobei… da ich ja jetzt 50 bin, zählen wir uns vermutlich schon zur selben Altersklasse) und gebannt die Nachrichten verfolgte.
Ansonsten? Überschaubarer Andrang. Ein einziges Pärchen saß am Nachbartisch, ab und zu huschte ein Roller-Lieferbote rein, um ein paar Kartons abzuholen. Das war’s.
Da man in Neapel aber selbst an der schrottigsten Tankstelle meistens fantastisch isst, war ich tiefenentspannt.
Ein Geheimtipp der Familie Sannino
Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Die Familie Sannino ist in der neapolitanischen Pizza-Szene keineswegs ein unbeschriebenes Blatt! Vater Enzo backt seit über 40 Jahren Pizza, Sohn Nicola steht seit gefühlten Ewigkeiten am Ofen und der Laden ist ein echter, ehrlicher Familienbetrieb (sogar offiziell zertifiziert von der *AVPN* – der heiligen Vereinigung der echten neapolitanischen Pizza). Hier schnippelt die ganze Familie von der Oma bis zur Schwester mit.
Auf die klassische Neapel-Frage *„Red or white?“* antworteten wir diesmal wie aus einer Pistole geschossen: „Red!“
Als Vorspeise gab es frische Tomaten mit Mozzarella. Ich weiß nicht woran es liegt, aber im Urlaub schmeckt diese Kombination einfach zehnmal besser als daheim. Beträufelt mit frischem Pesto und feinstem Olivenöl: Ein absoluter Traum!
Die Mutation des Pizzarands: Buchten statt Käserand!
Und dann… kam die Pizza. (Pizza Sole Mio!)
Leute, ernsthaft: Vergesst alles, was ihr über *Stuffed Crust* oder Käserand zu wissen glaubt! Sowas hatte ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen. Der Pizzabäcker hatte im Rand kleine, eigene „Buchten“ und Taschen geformt, in die er feinsäuberlich frischen Mozzarella platziert hatte. Nicht einfach lieblos in den Teig gestopft, sondern architektonisch meisterhaft inszeniert! Jeder Bissen vom Rand war eine kleine Explosion.
Die Pizza selbst war schlichtweg wunderbar, der weiße Wein floss geschmeidig. Man hatte nicht das Gefühl, in einem lauten Touristen-Restaurant zu sitzen, sondern als wärst du unangemeldet bei einer italienischen Großfamilie ins Wohnzimmer gestolpert.
Einziger Kritikpunkt: Die Ergonomie
Das einzige Manko des Abends war der Sitzkomfort. Die spartanischen Holzstühle luden jetzt nicht unbedingt zum stundenlangen Verweilen ein. Fairerweise muss ich aber zugeben: Das könnte eventuell auch einfach daran liegen, dass ich schlichtweg zu fett bin.
Das Fazit
Die *Pizzeria e Trattoria Sannino* ist ein fantastischer Geheimtipp! Wer nach dem anstrengenden Trubel der Altstadt mal ein bisschen Ruhe sucht, sich romantisch in die Augen schauen und dabei eine handwerklich spektakuläre Pizza abgreifen will, ist hier goldrichtig.

