Cesar’s Inn in Milwaukee ist verdammt schwer zu beschreiben. Die „Bar“ liegt eigentlich direkt neben dem Hotel, in dem wir immer dann absteigen, wenn wir Karten für die Milwaukee Brewers haben. In unmittelbarer Nähe des Hotels gibt es genau zwei Optionen für ein Feierabendbier: eine halbabgeranzte Spelunke und eben diese Zeitkapsel aus der Epoche, als Seriencrawler Jeffrey Dahmer in der Stadt sein Unwesen trieb.
Von außen sieht der Laden eigentlich noch überraschend „passabel“ aus – typischer amerikanischer Vorstadtcharme der simplen Sorte. Eine Renovierung hat das Gebäude zwar seit gefühlten fünf Jahrzehnten nicht mehr gesehen, aber wir gaben der Bar schon in unserem allerersten Jahr spontan ein pragmatisches: „Na gut, schau ma mal…“
Holzvertäfelung der 70er, Billard und vergilbte Kalender
Wer die Tür aufstößt, katapultiert sich ohne Umwege direkt zurück in die 1970er-Jahre. Drinnen stehen betagte Billardtische und blinkende Dartautomaten. Die Wände sind mit dunklem Holz vertäfelt, das vermutlich den Rauch von Millionen Zigaretten aufgesaugt hat. Und als absolutes Highlight hängen selbst auf den Wänden der Toilette vergilbte Kalender mit spärlich bis gar nicht bekleideten Damen – die heute wohl allesamt im wohlverdienten, hohen Rentenalter sein dürften.
Aaaaber: Die Menschen dort!
Das sind echte, unverfälschte amerikanische Originale. Ehrlich, geradeaus, ohne jede aufgesetzte Show. Und genau diese Typen waren der Grund, warum wir fortan wirklich jedes Jahr wieder hingegangen sind. Auch wenn wir vorsichtshalber unser Bier stets ausschließlich direkt aus der verschlossenen Flasche bestellt haben.
Cesar’s Inn war für uns einfach der perfekte Ort, um nach einem Brewers-Spiel noch ein, zwei eiskalte Miller Lite zu kippen, bevor es rüber ins Bett ging. Und das Faszinierende war: Selbst wenn man nach einem ganzen Jahr Pause wieder zur Tür hereinkam, gab es kein übertriebenes, großes Hallo. Man erinnerte sich schlicht an uns und begrüßte uns genau so trocken und herzlich, als wären wir Nachbarn, die halt mal eine Woche drüben in Chicago waren. Wobei ich mir ehrlich gesagt bis heute nicht sicher bin, ob von den üblichen „Insassen“ an der Bar jemals irgendjemand diesen Bundesstaat verlassen hat.
Die Dahmer-Einladung: Wenn der Urlaub einen gruseligen Touch bekommt
Echte Jeffrey-Dahmer-Vibes gab es dann in einer Nacht, als uns ein Typ an der Bar spontan zu sich nach Hause einlud, um dort noch ein privates Absacker-Bier zu trinken. Wir waren alle leicht angeheitert, die Milwaukee Brewers hatten gewonnen und die Stimmung war bestens – also gab es was zu feiern und wir gingen einfach mit. Was soll schon groß passieren? Wir waren ja schließlich zu dritt.
Dass irgendwelche chemischen Substanzen oder schussbereite Großkaliber uns drastisch dezimieren könnten, darauf kamen wir in unserer bierseligen Naivität natürlich erst mal nicht. Auch als uns eine ausgewanderte Deutsche, die offensichtlich auf den Typen stand, im düsteren Flur des Mehrparteienhauses hinterherschlich, sich hinter den Ecken versteckte und leise „Huhu!“ rief, wurden wir seltsamerweise noch nicht skeptisch.
Spätestens beim ersten Dosenbier in seiner Bude wurde die Gesamtsituation dann aber doch spürbar befremdlich. Ein mulmiges Gefühl kroch hoch. Wir tauschten kurze, unauffällige Blicke aus und beschlossen sehr zügig, uns höflich zu empfehlen und lieber auf dem schnellsten Weg ins Hotel rüberzumachen – damit uns nicht in einigen Jahren die Gerichtsmedizin aus säurefesten Kunststofffässern identifizieren muss.
Das war definitv eine Erfahrung der Kategorie: Kann man mal machen, werde ich aber garantiert kein zweites Mal tun. Nicht in Wisconsin.
Mein Fazit
Ich kann das Cesar’s Inn jedem wärmstens empfehlen, der das ehrliche, ungeschminkte und echte Amerika abseits der glattpolierten Touristenmeilen kennenlernen will – vorausgesetzt, man ist abwehrtechnisch einigermaßen durchgeimpft und bringt eine gesunde Portion Humor mit.
Kleiner Überlebenstipp zum Schluss: Hitzige politische Diskussionen über Obama, Biden oder die Lage der Nation sollte man am Tresen vielleicht eher nicht vom Zaun brechen. Einfach das Miller genießen und den Vibe aufsaugen!


