Angekommen in Neapel! Erstmal im Hotel eingecheckt und direkt ab auf den französischen Balkon – wobei, darf man das in Italien überhaupt so nennen oder wird man dafür direkt aus dem Land gewiesen? Egal. Die Meeresluft lag in der Nase und hat umgehend ein fundamentales Problem entfacht: akuten Kohldampf.
Nun sollte die Nahrungsbeschaffung in Italien generell keine unlösbare Herkulesaufgabe darstellen, in Neapel schon dreimal nicht. Aber man ist ja moderner Weltenbummler, also befragten wir zur Sicherheit die Künstliche Intelligenz nach dem idealen Restaurant. Die KI spuckte zwei Vorschläge aus: Einen romantischen Spot (dessen Namen mein Gedächtnis erfolgreich gelöscht hat) und eine absolute Partylocation: Die Trattoria da Nennella.
Wenn das Schicksal den Roten Teppich ausrollt
Da unser Hotel direkt am Hafen und praktisch schon in der Altstadt lag, war der Fußweg überschaubar. Nach entspannten zehn Minuten bogen wir um die Ecke und – Zack – saßen wir auch schon an einem freien Tisch.
Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnten: Das war kein normales Glück, das war eine epische Fügung des Schicksals! Wie wir in den folgenden Tagen lernten, ist spontanes Hinsetzen bei Nennella ungefähr so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Normale Sterbliche warten hier locker zwei Stunden auf einen Platz.
Reservieren? Mamma Mia, no! Das ist hier seit 1949 strengstens verboten. Bei Nennella läuft das nach neapolitanischer Präzision: Man pilgert zum „Büro“ vor der Tür, sucht den Mann im unübersehbaren roten Hemd und lässt seinen Namen auf die heilige Liste setzen. Der Meister blickt kurz auf die Uhr und schallt: „Kommen Sie um 13:45 Uhr wieder, warten Sie 10 Minuten und dann hereinspaziert!“ In der Zwischenzeit schlendert man entspannt durch die Gassen, gönnt sich einen Aperol Spritz und Punkt 14:00 Uhr ertönt der erlösende Namensaufruf.
Wir hatten diesen Stress nicht und nahmen direkt im vorsorglich überdachten Gastgarten Platz. Es war immerhin schon November und am Abend hatten wir frische 17 Grad – für neapolitanische Verhältnisse kurz vor dem Polareinbruch.
Plastik, Magie und die ultimative Wein-Kombinatorik
Das Ambiente? Unverfälscht, spartanisch, ehrlich. einfache Holzstühle und -tische, stilsicher bezogen mit rot-weiß karierten Plastiktischdecken. Die Speisekarte folgte demselben Prinzip der Schlichtheit: Es gibt zwei Menüs, bei denen man sich die Gänge selbst zusammenbaulicher-weise konfigurieren darf. Zugegeben, ohne Sprachkenntnisse eine kleine Denkaufgabe zum Aufwärmen.
Die Weinkarte hingegen glänzte durch absolute Barrierefreiheit und eine messerscharfe Logik. Auf meine hochtrabende Frage, welche edlen Tropfen denn angeboten würden, folgte die meisterhafte Antwort des Kellners: „Red or white?“
Diese Frage sollte sich wie ein roter (und weißer) Faden durch unser gesamtes Wochenende ziehen. Da die hauseigene Flasche mit unfassbaren 6 Euro zu Buche schlug, fiel die Entscheidung strategisch clever: „Red AND white, bitte!“ Man muss sich schließlich ein geschmackliches Backup sichern, falls eine Sorte enttäuscht.
Small Spoiler: Beide Weine waren absolut solide und lagen geschmacklich weit über ihrem Preisschild.
Beim Essen selbst habe ich bei der Vorspeise gepokert – und bin mit dem neapolitanischen Klassiker „Pasta e Patate“ (Nudeln mit Kartoffeln) All-in gegangen. Nun ja… es war okay. Noch einmal bestellen würde ich es jetzt nicht unbedingt. Die anschließenden Fleischbällchen in Tomatensauce hingegen? Ein absolutes Gedicht!
Ein veritables Bordell – Seit 1949 Tradition!
Dass es bei Nennella nicht wie in einem steifen Sterne-Schuppen zugeht, hat historische Gründe. Alles begann 1949 im Spanischen Viertel (Quartieri Spagnoli). Die Ur-Mutter des Ladens, Elisabetta – liebevoll „Nennella“ (kleines Mädchen) genannt – eröffnete einen winzigen Laden. Sie verkaufte Klaren an amerikanische Soldaten (‚o bbere ‚e ‚mericani) und servierte den Müllwerkern im Morgengrauen heiße Kuttelsuppe.
Ihr Sohn, Don Pasquale Vitiello, übernahm das Erbe mit echtem neapolitanischem Temperament. Seine Söhne Ciro und Mariano hatten allerdings herzlich wenig Lust auf Küchendienst. Wenn Don Pasquale die Jungs zur Ordnung rief, flogen regelmäßig Töpfe, Schöpfkellen und Flüche durch den Raum. Was als familiäres Chaos begann, entwickelte sich zur Legende.
Heute wird dieses „kontrollierte Bordell“ als Volksshow weitergeführt: Teller fliegen virtuos durch die Luft, die Kellner brüllen, lachen und machen aus jedem Abend ein Spektakel. Mittlerweile führt die vierte Generation – Daniele und Emanuele – das Erbe von Oma Concetta (der wahren Seele des Ladens) stolz weiter.
Kellner auf den Tischen und Ehefrauen auf der Flucht
Zu vorgerückter Stunde schlug das kontrollierte Chaos auch bei uns voll durch. Plötzlich verwandelte sich der Laden in eine reine Partylocation. Es gehört hier zum guten Ton, dass die Kellner auf die Tische steigen, die Gäste zum Tanz auffordern und die Trattoria in einen Club verwandeln.
Das war exakt der Moment, in dem sich meine Frau „kurz für die Toilette“ entschuldigte.
Nun ja. Die Orientierung zur Sanitäranlage schien verloren gegangen zu sein, denn wenige Augenblicke später sah ich sie mitten im Getümmel wild tanzen! Bei Italienern kann man eben nicht vorsichtig genug sein – Reinhard Fendrich hat damals nicht umsonst davor gewarnt…
Der süße Abgang (auf der Bettwäsche)
Gestärkt, bestens amüsiert und leicht beduselt traten wir schließlich den Heimweg an. Eine halbe Flasche unseres 6-Euro-„Red“ leistete uns auf den Straßen Neapels noch treue Gesellschaft.
Im Hotelzimmer angekommen, wollte ich den Wein schließlich als stilvollen Schlummertrunk genießen. Mein Hand-Augen-Koordinationszentrum war jedoch anderer Meinung und verteilte den edlen Tropfen mathematisch präzise auf der schneeweißen Bettwäsche. Sorry liebes Hotelpersonal, es war keine Absicht!
Das Fazit
Kulinarisch gesehen hatten wir in den darauffolgenden Tagen in Neapel sicherlich noch spektakulärere Highlights. Aber das Essen ist bei Nennella ohnehin nur die halbe Miete. Wer die unvergleichliche Kombination aus ehrlicher Hausmannskost, fliegenden Tellern, tanzenden Kellnern und purer neapolitanischer Lebensfreude sucht, für den ist dieser Laden ein absolutes MUSS!
Einfach beim Mann im roten Hemd auf die Liste setzen lassen, einen Spritz trinken gehen und ins Spektakel eintauchen!
https://www.trattorianennella.it/

