Im Praxistest präsentiert sich der elektrische SUV-Kombi mit extrem viel Platz, elegantem Design, großer Reichweite und sehr schneller Batterieladung
Wer einsteigt, wird gut empfangen – umarmt vom neu entwickelten multi-adaptiven Sicherheitsgurt. Ob groß oder klein, dünn oder schwanger – der Gurt mit seinen mehrstufigen Kraftbegrenzern passt sich jeder Figur an. Beim Anfahren ruckelt sich der Gurt deshalb erst einmal in die richtige individuelle Einstellung, was etwas ungewohnt ist. Bei einem Unfall wird bei größeren Insassen die Gurtkraft erhöht, um das Risiko einer Kopfverletzung zu verringern, bei leichteren Insassen wird die Gurtkraft dagegen verringert, um das Risiko von Rippenbrüchen zu minimieren. Zudem verfügen alle Sitze über einen integrierten Durchtauch-Schutz, der das Risiko für kleinere Personen verringert, bei einem Unfall unter dem Sicherheitsgurt durchzurutschen.
Der schwedische Autobauer, der einst den Sicherheitsgurt erfand, macht mit dieser Weltneuheit auch beim neuen EX60 Volvo sehr deutlich, welch zentralen Wert das Thema Sicherheit hat. Dass es erst gar nicht zu einem Unfall kommt, dafür sorgt zudem eine extrem umfangreiche Ausstattung an Sicherheits- und Fahrerassistenzsystemen. Den technischen Führungsanspruch im Premium-Bereich unterstreicht Volvo beim vollelektrischen Mittelklasse-SUV zugleich mit einer enormen Reichweite von bis zu 810 Kilometer, sehr kurzer Batterie-Ladezeit von 19 Minuten für 80 Prozent Füllung, einer innovativen Fertigungstechnologie und viel Komfort. Zugleich ist mit dem EX60 nun die gesamte Produktpalette elektrifiziert – vom kleinen EX30, über den EX40 und der Limousine ES90 bis zum großen Familien-SUV EX90.
Starker Herausforderer
Der Volvo EX60 ist damit ein starker Herausforderer der Oberklasse-Konkurrenz von Audi, Mercedes oder BMW. All der technologische Aufwand ist aber auch notwendig, um gegen den großen Konkurrenten aus dem eigenen Unternehmen zu bestehen. Denn noch immer ist der Verbrenner-SUV XC60 der Bestseller unter den Volvo-Modellen: Mit weltweit über 2,7 Millionen verkauften Fahrzeugen das erfolgreichste Modell der Firmengeschichte. Wegen des anhaltenden Erfolgs bei den Kunden wird der Plug-in-Hybrid, anders als ursprünglich geplant, weiter gebaut. In Deutschland stand der XC60 im Jahr 2025 immerhin für fast 40 Prozent aller verkauften Fahrzeuge. Ein großer Schatten für den Newcomer. Neben all seiner technischen Klasse hat der neue EX60 aber ein weiteres starkes Argument: Er ist rund 6.000 Euro preiswerter als der Verbrenner und 5.000 Euro billiger als die Plug-in-Version des XC60.
Der vollelektrische EX60, der jetzt zum ersten Mal gefahren werden konnte, will es den Nutzerinnen leicht machen. Einen Schlüssel gibt es nicht mehr, aufgeschlossen wird mit Handy. Auch Griffe sucht man vergebens, die glatte Tür öffnet sich bei Berührung der unauffällig in den Fensterrahmen angebrachten „Winglets“. Beim Annähern an das Fahrzeug wird der Griffbereich dezent beleuchtet, um bei Dunkelheit den Einstieg zu erleichtern.
Ungewöhnliche Türöffner
Die Winglets, die glatte Türlinie, die rahmenlosen Fenster und Außenspiegel sowie die bündige Verglasung tragen nicht nur zu einem eleganten und ungewöhnlichen Karosserie-Design bei. Die kraftvollen Proportionen verbessern zudem die Aerodynamik sowie die Energieeffizienz und vergrößern die Reichweite. Die geschlossene Front mit dem ikonischen „Thors Hammer“-Design mit Matrix-LED oder Pixel-LED-Technologie, die flache Haube sowie die abfallende Dachlinie und die sich verjüngenden Karosserieseiten verbessern die aerodynamische Effizienz auf den enorm niedrigen Luftwiderstandswert von 0,26. Speziell das stromlinienförmig eingezogene „Boat-Tail“-Heck verringert den Luftwiderstand und verbessert die Stabilität bei hohen Geschwindigkeiten.
Gelungen kantig wirkt auch das Heck mit abgeschrägter Dachlinie und dem für Volvo charakteristischen, beim EX60 zweigeteilten LED-Rückleuchten-Design. Ob Scheinwerfer oder Rücklichter – es gibt viele Design-Details, bei denen die Zugehörigkeit des EX60 zur Volvo-Familie zu spüren ist. Gut gemacht ist auch, dass der EX60 trotz seiner 1,64 Meter Höhe nicht wie ein bulliger SUV wirkt, sondern auch dank der 18 Zentimeter Bodenfreiheit eher wie ein großer Kombi anmutet.
Reinsetzen, wohlfühlen. Der Innenraum des 4,80 Meter langen EX60 – zehn Zentimeter länger als der XC60 – beeindruckt für ein Mittelklasse-Fahrzeug mit einem immensen Platzangebot – auch in der zweiten Reihe. Der lange Radstand von fast drei Metern wird durch die von Volvo für elektrische Fahrzeuge neu entwickelte SPA3-Plattform möglich. Die neue Batterie-Architektur, bei der die einzelnen Zellen direkt im Fahrzeugrahmen integriert sind, verleiht dem Fahrzeug nicht nur zusätzliche Stabilität. Sie gibt den Insassen durch den tiefergelegten Boden auch mehr Kniefreiheit gegenüber Fahrzeugen mit herkömmlichem Akkupaket.
Innovatives Mega-Casting
Nebenbei spart die neue Batterietechnik auch 70 Kilo Gewicht. Weiteres Gewicht eingespart hat Volvo durch die innovative Mega-Casting-Technologie – was ebenfalls zur größeren Reichweite beiträgt. Ein einziges komplexes Gussteil ersetzt dabei 124 kleinere Teile und spart Montagekosten.
Und weil wir schon mal bei Einsparung sind: Nahezu ein Viertel der verbauten Materialien wurden aus der Recycling-Tonne geholt, gibt Volvo an. Freilich ist im Wagen davon nichts zu spüren. Die Materialien, vom veganen „Nordico“-Leder der hervorragend bequemen und vielfach einstellbaren Sitze bis zu den verbauten Holz-Dekore, sind der Premium-Klasse angemessen von höchster Qualität.
Das skandinavisch reduzierte Innendesign unterstreicht den Wohlfühl-Charakter mit einem lichten Ambiente. Dazu trägt auch das serienmäßige Panoramadach bei, das in der höheren Ausstattungslinie elektronisch abgedunkelt werden kann. Ungewöhnlich ist das ovalförmige kleine Lenkrad, das aber gut in der Hand liegt. Dessen abgeflachter oberer Rand soll den Blick auf das flache Kombiinstrument erleichtern, das direkt am unteren Rand der Frontscheibe sitzt. Übersichtlich angezeigt werden dort alle wichtigen Infos wie die Google-Maps-Navigation oder Verkehrszeichen-Infos. Mancher Nutzer wird das trotzdem für gewöhnungsbedürftig empfinden; ein Head-up-Display wird aber nicht angeboten – und ist auch überflüssig.
Anders als beim großen SUV EX90 und der Limousine ES90 ist der über der Mittelkonsole sitzende leicht gebogene OLED-Touchscreen mit 38 Zentimeter Diagonallänge nicht mehr hochkant, sondern waagerecht montiert. Auch an andere Dinge muss man sich erst gewöhnen. Auf Haltegriffe am Dachhimmel, die gerade ältere Menschen als Aussteigehilfe schätzen, verzichtet man weiterhin – obwohl das schon beim Volvo-Flaggschiff, dem großen Elektro-SUV EX90, zu kritischen Anmerkungen beitrug.
Auch ein Handschuhfach auf der Beifahrerseite sucht man vergebens; dies sitzt nun mittig unter dem Armaturenbrett. Darin findet man auch die USB-Anschlüsse. Was das Fassungsvolumen angeht: Gut, dass die Zeiten vorbei sind, als noch ein voluminöser Shell-Autoatlas im Handschuhfach untergebracht werden musste. Der fände darin keinen Platz. Angenehm ist aber auf jeden Fall, dass es keine voluminöse Mittelkonsole gibt, sondern einen luftig offenen Raum mit einem ausziehbaren Getränkehalter.
Ohne Tasten
Der neue Stromer kommt – wie bei fast allen aktuellen Volvo-Modellen wie dem EX30, EX90 und ES90 – fast komplett ohne Tasten. Haptische Tasten gibt es allein am Lenkrad – etwa für das teilautonome Fahren oder Infotainment. Nur unterm Touchscreen sitzt noch eine Rollwalze aus Kristallglas – für die Lautstärkeregelung. So aufgeräumt-angenehm sich der EX60 dadurch präsentiert, so macht er es den Nutzern zumindest anfänglich etwas schwer. Vieles ist nur über den Touchscreen einstellbar. Dazu gehören neben der Lenkrad-Einstellung auch die Außenspiegel – die während der Fahrt einzustellen, wäre eine Herausforderung. Das sollte man auch deshalb lieber lassen, weil die Infrarotsensoren sofort Warnsignale abgeben, wenn der Fahrer seinen Blick zu lange von der Straße abwendet, um im Menü herum zu suchen. Allerdings hat Volvo nach anfänglicher Kritik die Bedienoberfläche noch einmal verändert. Nun werden vor Fahrtbeginn auf dem Touchscreen direkt die Funktionen für Spiegel und Lenkrad angezeigt.
Erleichtert wird die Nutzung der vielfältigen Funktionen durch den Einsatz von Google Gemini in Verbindung mit einer KI, die natürliche und personalisierte Gespräche ermöglicht. Das ist Teil des modularen Computersystems mit Nvidia Drive Agy Orin-Bausteinen als Basis. Damit sind beständige Updates im Bereich Sicherheit, Komfort und Konnektivität möglich – die das Fahrzeug immer besser machen, wie Volvo betont.
Bis 2400 Kilo Anhängerlast
Der Kofferraum fasst 523 Liter Gepäck. Mit der elektrisch umklappbaren Rückbank können 1.650 Liter Gepäck verstaut werden. Pfiffig ist der geteilt aufklappbare Ladeboden, unter dem weiteres Gepäck untergebracht werden kann. Und unter der Fronthaube gibt es ein weiteres, 58 Liter fassendes Ablagefach. Wer noch mehr unterzubringen hat: Der EX60 kann je nach Version eine Anhängerlast von 2000 bis 2400 Kilo bewältigen.
Komfort und Fahrkultur
Bei der Testfahrt, zu der Volvo eingeladen hatte, überzeugt der EX60 mit enorm viel Komfort und Fahrkultur. Im Innenraum ist es angenehm leise. Fahrtwind oder Reifengeräusche sind selbst bei Geschwindigkeiten über 130 km/h nahezu nicht zu hören. So wünscht man sich eine Reiselimousine. Wer es noch leiser haben möchte, bekommt in der Ausstattungslinie Ultra zusätzlich eine Akustikverglasung und eine digitale „Road-Noise Cancelation“ über die serienmäßige Bowers&Wilkens-Anlage. Mit insgesamt 28 Lautsprechern liefert diese ein großartiges Klangerlebnis. Der Zugang zu Google Music ist schon im EX60 integriert – zur Nutzung braucht es keine zusätzliche App.
Allrad oder Hinterachsantrieb
Angeboten wird der EX60 mit zwei Antriebs-Versionen. Der preiswertere P6 hat Hinterradantrieb und eine Leistung von 275 kW/374 PS. Mit seiner 83 kWh starken Batterie schafft der P6 nach Volvo-Angaben eine Reichweite von 611 Kilometer. Mit Allradantrieb und 375 kW/510 PS Leistung ausgerüstet ist der P10. Mit dem größeren Akku mit 95 Kilowattstunden soll er 660 Kilometer weit kommen.
Beim Fahrtest zeigte sich die Allrad-Version P10 auf der Autobahn, auf Landstraßen oder dichtem Stadtverkehr in bester Verfassung und beeindruckte mit guter Straßenlage und stabilem Spurverhalten in Kurven. Das aktive Fahrwerk mit adaptiver Federung, die drei einstellbare Härtegrade hat, bügelt jede Straßenunebenheit glatt und schafft einen guten Ausgleich zwischen Komfort und Dynamik. So geht entspanntes Fahren! Wenn gefordert, zeigen die zwei Motoren an Vorder- und Hinterachse aber auch, mit welchen Wumms die 510 PS auf die Straße gebracht werden. Dann ist Tempo 100 in 4,9 Sekunden erreicht. Zum Fahrkomfort trägt außerdem die leichtgängige, aber präzise Lenkung bei, die geschwindigkeitsabhängig fester wird. Wem das Lenkverhalten zu rückmeldefrei ist, kann dies in drei Stufen verstellen, je nach individuellem Geschmack.
Sicherheit ist Trumpf
Ausgerüstet ist der EX60 mit einer Armada an Sicherheits-Features. Fünf Radare, fünf Kameras und zwölf Ultraschallsensoren mit 360 Grad-Rundumblick sorgen für bestmöglichen Schutz. Unter anderem gibt es auch einen Totwinkel-Assistenten, der mit automatischem Lenkeingriff auf kritische Situationen reagiert, oder Lenk- und Bremseingriffe bei drohendem Abkommen von der Fahrbahn. Das Nothaltesystem Emergency Stop Assist reagiert mit automatischer Bremsung und Notruf, wenn der Fahrer nicht auf Warnsignale reagiert – etwa infolge einer Bewusstlosigkeit.
Der erstmals eingesetzt Pilot Assist Plus ermöglicht ein teilautonomes Fahren. Auf der Autobahn übernahm der Assistent bis zu einer Geschwindigkeit von 150 km/h die Lenkbewegungen und den Spurwechsel beim Überholen. Er passt zudem die Geschwindigkeit an, wenn vorausfahrende Fahrzeuge langsamer sind, und passt das Tempo vorausschauend an Kurvenlagen an.
Sehr angenehm fährt es sich, vor allem in der Stadt, mit dem one-pedal-Drive. Die Bremswirkung, mit der die Batterie rekuperiert wird, sobald man vom Gaspedal geht, verzögert den Wagen bis zum Stillstand. Per Knopfdruck auf dem Touchscreen kann die Stärke der Bremswirkung in mehreren Stufen eingestellt werden. Im Automatikmode schaltet das Fahrzeug zusätzlich auf der Autobahn in den Segelmodus, um Energie zu sparen.
Niedriger Verbrauch
Angegeben werden von Volvo für die Allradvariante Verbrauchswerte von 16,2 bis 19,2 Kilowattstunden auf 100 Kilometer. Beim dreistündigen Fahrtest – in dichtem Stadtverkehr als auch mit zügiger Fahrt auf der Autobahn – ergab sich ein hervorragend niedriger Durchschnittsverbrauch von 15,7 kWh.
Ende des Jahres soll auch die Allrad-Variante P 12 verfügbar sein. Das Topmodell bringt enorme 500 kW/680 PS auf die Straße und soll in 3,9 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen. Abgeregelt wird wie bei allen Volvo-Modellen aber bei Tempo 180. Ausgerüstet ist der EX60 P12 mit einer 117 kWh starken Batterie, die bis 810 Kilometer Reichweite möglich machen soll.
Kurze Ladezeiten
Die 800 Volt-Ladearchitektur ermöglicht daneben enorm kurze Ladezeiten. Innerhalb von zehn Minuten können die Akkus für bis zu 340 Kilometer Reichweite aufgeladen werden. In der Zeit ist der Pausen-Kaffee an der Raststätte noch nicht einmal ausgetrunken. Von 10 auf 80 Prozent aufgeladen ist die Batterie sogar in 18 Minuten – sofern man eine Ladesäule mit ultrastarken 370 kW Ladeleistung findet. Wenn man nur eine normale AC-Ladesäule am Straßenrand oder die private Wallbox mit jeweils 22 kW nutzen kann, verlängert sich die Ladezeit auf vier Stunden. Auch das ist nicht so schlecht.
Angeboten wird der EX60 in den zwei Ausstattungslinien Plus und Ultra sowie neun Außenfarben. Die Preise für den P6 mit Hinterradantrieb beginnen bei 62.990 Euro, in der Ausstattungslinie Plus sind es 69.790 Euro. Die Allrad-Varianten kosten mindestens 65.990 Euro (P10) oder 71.790 Euro (P12). In der gehobenen Ausstattungslinie Ultra sind es jeweils 72.790 Euro oder 78.790 Euro. In Kürze soll es auch noch eine preiswertere Ausstattungslinie Core geben; dafür sind aber noch keine Preise verfügbar. Angeboten wird der EX60 zudem als robuste Cross-Country-Version für raues Gelände mit Unterfahrschutz aus Edelstahl, zwei Zentimeter mehr Bodenfreiheit und einem adaptiven Luftfahrwerk. Damit kann der Wagen, falls nötig, um weitere zwei Zentimeter gehoben werden – oder auch abgesenkt werden, um auf Autobahnen den Luftwiderstand zu verringern.
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