Volvo-Modelle altern in der Regel nicht, sondern reifen wie guter Wein. Ab und an sollte man aber doch mal eine junge Flasche öffnen, um Neues zu genießen – wie beim EX60.
Es ist immer interessant, wie sehr der erste Fahreindruck von der statischen Vorstellung abweicht. Bei der nahmen wir den EX60 als geräumiges, dezent futuristisches SUV wahr – mit herrlichem Bowers-&-Wilkins-Soundsystem, das bis zu 1.820 Watt aus 28 Speakern auffährt und dabei hilft, den nötigen Gegenschall zu erzeugen, um den EX60 noch leiser wirken zu lassen, als er ohnehin schon ist.
Und ja: Die Mikrofone können sogar Flüstertöne aufzeichnen und an die Insassen weitergeben, womit heimliches Tuscheln auf allen Plätzen tabu wäre. Wollen alle schlafen, kann man den eingehenden Sound auch auf die Kopfstütze des Fahrenden reduzieren.
Für vollen Sound braucht man auch volle Datenfülle!
Wo wir gerade beim Sound sind: Volvo holt jetzt auch Apple Music an Bord, wo die meisten Songs in hoher Auflösung gestreamt werden – denn nur dann lässt sich Dolby Atmos auch wirklich genießen.
Das Infotainment kann aber noch mehr: Rein theoretisch lässt sich mit der Software auch eine Präsentation erstellen, die man sich dann zu Hause fix und fertig gerechnet ins E-Mail-Postfach schicken kann.
Da sitzen wir schon mitten im EX60 und nein, wir haben mit den Flügelchen als Türgriffen außen keine Probleme. Wir schließen die Tür, die trotz rahmenloser Scheibe satt ins Schloss fällt (das bringt laut Lutz Stiegler, Head of Architecture Strategy, der ALLES weiß, rund zwei Zentimeter mehr Höhe beim Türeinstieg UND eine bessere Aerodynamik), treten das Bremspedal, der EX60 erwacht, wir wählen „D“ und strömen los.
Flüsterleise. Und wir können schon mal bestätigen, dass das mit Schallabsorption und Gegenschall tatsächlich klappt. Auch auf der Autobahn nimmt die Lautstärke kaum zu und zusammen mit den feinen Sitzen samt ausziehbarer Oberschenkelauflage und dem tollen Sound ist das mit dem Genuss einer sehr feinen Flasche Wein vergleichbar.
Mit der Digitalisierung hat Volvo es dezent übertrieben
Die allerdings beim Entkorken zicken kann, denn: Leider hat es Volvo bei der Digitalisierung etwas übertrieben. Zum Einstellen von Gebläse und Temperatur UND der Richtung der Luftausströmer muss man immer ins Menü auf dem dezent konvex gewölbten Screen. Das ist ergonomisch einfach Unsinn, genau wie das Einstellen der Spiegel und des Lenkrads via Screen. Klar macht man das in der Regel nur einmal und kann es im Memory speichern. Aber wenn man längere Strecken fährt oder spürt, dass es einem über den Tag etwas die Wirbelsäule staucht und man dann auf langen Etappen dezent nachsteuern möchte …
Und so ist man leider häufiger auf dem Screen unterwegs als nötig und hat die Augen eben dabei NICHT auf der Fahrbahn, wo Volvo sie eigentlich gern sähe.
Beim Infodisplay entschied man sich für die Lösung von Peugeot oder Toyota und stellte einen kleinen Screen etwas verloren hinter dem Lenkrad unter die Frontscheibe – gerade so, als wollte sich der Interieurdesigner später noch überlegen, ob er ihn vielleicht optisch irgendwie einbinden möchte.
Das funktioniert ergonomisch gut, spart das Head-up-Display und damit Kosten, ist laut Stiegler aber auch der Crashsicherheit geschuldet. Denn dort, wo das Head-up-Display säße, verläuft beim EX60 ein massiver Querträger, der essenziell für die Crashstruktur ist. Hätte man dort ein Head-up-Display unterbringen wollen, hätte man die gesamte Instrumententafel höher ausführen müssen. Dann hätten sich die Fahrenden eingebaut gefühlt und das Auto wäre zudem teurer geworden. Also verzichtete man darauf.
Worauf man nicht verzichtete: eine saubere Fahrwerksabstimmung mit einer tollen Feder-Dämpfer-Kombination. Sie macht den EX60 gefühlt viel leichtfüßiger, als er tatsächlich ist. Hier haben die Schweden den Abstand zu Süddeutschland unserer Meinung nach deutlich stärker verkürzt als bei schwedischen Weinen (ja, die gibt es), die durchaus ebenfalls mit süddeutschen konkurrieren können.
Was auch auffällt: die unglaubliche Rollfähigkeit, mit der der EX60 seinem Markennamen alle Ehre macht. Lupft man den Fahrpedalfuß, rollt er ewig weiter und verliert nur sehr langsam an Geschwindigkeit. Trotzdem bleibt das Fahrwerk auch im straffen Modus stets auf der komfortablen Seite.
Bei der Lenkung empfehlen wir dagegen immer „Straff“. Dann überwindet sie ihre synthetische Grundhaltung, die vor allem dann auffällt, wenn der Spurhalteassistent auf einmal etwas indifferent an ihr herumzerrt – eine seltsame Mischung aus ein bisschen „Nichts“ und „Alles“. Das Lenkrad selbst ist zwar eckig, aber eher dünn und wunderbar zu greifen.
Der Gurt – DIE Volvo-Erfindung – wurde ebenfalls weiterentwickelt
Zu „greifen“ bekommt die Insassen auch der neue multiadaptive Gurt mit mehrstufigen Gurtkraftbegrenzern. Er „verwiegt“ die Passagiere grob gesagt und errechnet anschließend aus Kollisionsrichtung und Aufprallgeschwindigkeit die optimale Gurtkraftbegrenzung.
Und so volven wir dahin und stellen fest, dass die Schweden hier an ziemlich viel gedacht haben, als sie ihre 60er-Reihe neu entwickelten. Das zeigt sich schon beim Frunk, der auch ein langes, dickes Ladekabel aufnehmen kann und über einen Klettverschluss für die Abschleppösen-Tasche sowie ein eigenes Fach für das Warndreieck verfügt. Dazu kommt ein schön großer, trichterförmig ausgeführter Waschwassereinfüllstutzen.
Volvos clevere Ideen finden sich aber auch im Kofferraum, wo sich die soliden Lehnen im Verhältnis 40:20:40 so umlegen lassen, dass eine ebene – wenn auch leicht angeschrägte – Ladefläche entsteht.
Ganz hinten dient das Unterfach gewissermaßen als Crashbox. Links befindet sich ein kleiner Neun-Liter-Eimer mit netter Grafik – Kinder angeln, am Boden sitzen Krebse –, rechts wäre Platz für eine Volvo-Tasche mit den Ladekabeln (die man allerdings besser im Frunk unterbringt) oder anderem Zubehör.
Weggespart wurden dagegen die Haltegriffe am Dach sowie die Klammer für Park- oder sonstige Tickets. Das lässt sich allerdings verschmerzen.
Und gespart hat sich Volvo Gott sei Dank auch eine elektrische Ladeklappe. Die öffnet mechanisch schnell und muss auch gar nicht lange offen bleiben, denn der EX60 zieht im Idealfall mit bis zu 370 kW Strom und lädt seinen Akku in nur 16 Minuten von 10 auf 80 Prozent SoC. Oder anders ausgedrückt: In zehn Minuten lassen sich bis zu 340 Kilometer Reichweite nachladen. Ladeplanung beherrscht der EX60 übrigens ebenfalls.
AC-Laden auch mit 22 kW
Das Laden selbst konnten wir zwar nicht ausprobieren, aber selbst wenn er „nur“ mit 200 kW lädt, geht das immer noch ausgesprochen schnell. AC-seitig lädt er zudem mit bis zu 22 kW. Dann dauert es rund viereinhalb Stunden, bis der 92-kWh-Akku wieder vollständig gefüllt ist.
Stark sind übrigens auch die Fahrleistungen: Bei Bedarf sprintet der P10 AWD Electric in 4,6 Sekunden auf 100 km/h, abgeregelt wird markentypisch bei 180 km/h.
Vergleichsweise sparsamer Verbrauch
Den Durchschnittsverbrauch gibt Volvo mit 16,2 kWh/100 km an. Bei uns meldete der Bordcomputer – allerdings bei eher zurückhaltender Fahrweise – Werte zwischen 16,9 und 17,4 kWh/100 km, was inklusive Ladeverlusten rund 19 kWh/100 km entspricht. Im Winter wird es etwas mehr werden, aber so oder so kommt man mit dem EX60 rund 400 Kilometer am Stück. Und dann ist es ohnehin Zeit für eine Tasse Kaffee – oder dafür, den letzten Rest des Weins loszuwerden, den man vielleicht am Vorabend genossen hat.
Am Ende …
Am Ende nahmen wir den EX60 vielleicht nicht mehr ganz so futuristisch wahr wie bei der ersten Begegnung, dafür aber umso markentypischer. Und wir wissen schon jetzt: Auch er wird reifen wie ein guter Wein – wobei ihm die Over-the-Air-Updates sicher helfen werden.
Und weil dafür natürlich Datenvolumen nötig ist: Das ist für vier Jahre inklusive. Hinzu kommen drei Jahre Garantie sowie acht Jahre auf den Akku.
Damit bleibt der Volvo die beruhigende Alternative im europäischen Premiumsegment. Und er ist nicht nur made by, sondern auch made in Sweden – das Stammwerk Torslanda wird es freuen.
Was bedeutet das?
Volvo hat mit dem EX60 einen Riesenschritt gemacht. Vor allem hat man das Auto konsequent um die neue Hugin-Core-Architektur herum entwickelt. Genau das ist aus unserer Sicht die größte Errungenschaft.
Denn dadurch wird der EX60 tatsächlich zu einem Software-defined Vehicle. Ein Auto also, das nicht mit dem Tag der Auslieferung fertig entwickelt ist, sondern über Jahre hinweg besser werden kann.
Und genau deshalb dürfte auch der EX60 das tun, was Volvo-Modelle seit Jahrzehnten auszeichnet: Er wird nicht altern. Er wird reifen. Wie ein guter Wein.
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