Volvo EX60 im Top Gear Test: Der vollständige Testbericht

Volvo EX60 im Top Gear Test: Der vollständige Testbericht

Der Volvo EX60 ist die allumfassende, rein elektrische Neuinterpretation des extrem erfolgreichen XC60. Seit seinem Debüt im Jahr 2008 wurden von diesem Bestseller rund 2,7 Millionen Einheiten abgesetzt, womit dieses neue Modell von enormer Bedeutung für den schwedischen Hersteller ist. Während einige Automobilhersteller ihre angekündigten EV-Pläne zurückschrauben, treibt Volvo die Elektromobilität konsequent voran – voll und ganz überzeugt von der eigenen Technologie und ohne Verwässerung des Kurses.

Volvo ist der Ansicht, dass der Markt für Elektrofahrzeuge spürbar wächst, und reiht sich mit dem EX60 in jene elitäre Gruppe von modernen E-Autos ein, die einen echten, reichweitenstarken Headline-Wert von bis zu 503 Meilen (WLTP) vorweisen können. Allerdings hat das Modell das Schicksal, just in dem Moment auf den Markt zu kommen, in dem BMWs hervorragender, neuer iX3 so richtig Fahrt aufnimmt.

Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft, und in diesem Segment wird der Wettbewerb immer härter: Neben dem BMW tritt der EX60 gegen den ultra-raffinierten Audi Q6 e-tron und den Mercedes GLC Electric, den allseits beliebten Tesla Model Y sowie den immens fähigen Porsche Macan an. In den USA sollte man zudem den absolut exzellenten Rivian R2 auf der Rechnung haben.

Ist die Software im EX60 genauso schwach wie im EX30?

Nein, ganz im Gegenteil. Zwar basieren beide Fahrzeuge auf Systemen von Googles Android Automotive OS, doch die Software des EX60 ist weitaus durchdachter, deutlich einfacher zu bedienen und bringt den Fahrer garantiert nicht zur Verzweiflung. Puh! Einziger Wermutstropfen: Die Lüftungsdüsen werden rein digital über den Bildschirm gesteuert, was eine unverständliche Designentscheidung darstellt. Abgesehen davon funktioniert jedoch alles einwandfrei.

Unter dem Blech baut der EX60 auf Volvos neuer SPA3-Plattform auf, wodurch die neuronalen Software- und Hardware-Eigenschaften nahtloser denn je ineinandergreifen. Ähnlich wie bei Rivian wird dieses Fahrzeug die Besitzer regelmäßig mit Over-the-Air-Updates versorgen, was das klassische Konzept der Mid-Life-Modellpflegen (Facelifts) überflüssig macht.

Der Schlüssel dazu ist die Einführung des neuen HuginCore-Rechensystems, welches Volvos Super-Set-Technologie-Stack weiterentwickelt (der Name leitet sich aus der nordischen Mythologie ab). Es wurde intern entwickelt und kombiniert einen Nvidia Orin X-Kernrechner, der bis zu 254 TOPS (Billionen Rechenoperationen pro Sekunde) bewältigen kann, mit einem neuen Qualcomm Snapdragon User Experience Computer (UXC). Statt hunderter separater Steuergeräte ist der EX60 nun extrem effizient vernetzt.

Google-Dienste sind tief integriert, sodass die Analogie vom „Smartphone auf Rädern“ treffender denn je ist. Dazu gehört auch **Google Gemini**, eine konversationelle KI-Technologie, die die Sprachsteuerung auf das nächste Level hebt. Wer den Film *Her* aus dem Jahr 2013 kennt: Es ist genau wie dort, nur eben ohne Scarlett Johansson. Die Bedienung ist schlicht brillant – man muss nur aufpassen, dass man keine romantische Bindung dazu aufbaut.

Welche Versionen sind erhältlich?

Vier Varianten stehen zur Auswahl. Den Anfang machen der P6 und der P10, gefolgt vom stärkeren P12 später im Jahr sowie einer nachfolgenden Cross-Country-Version. Die Preise starten bei £56,860 für den P6 in der Plus-Ausstattung und steigen bis zu £70,360 für den P12 AWD Ultra. Alle Versionen sind bereits ab Werk sehr gut bestückt, wobei die Ultra-Linie begehrte Extras wie hochauflösende Pixel-Scheinwerfer, diamantgedrehte Leichtmetallfelgen, ein elektrochromes Panoramadach und das überragende Bowers & Wilkins Audiosystem mitbringt.

Das Leistungs- und Batterie-Line-up gestaltet sich wie folgt:

  • P6: Einzelmotor mit Heckantrieb, 80 kWh nutzbare Batteriekapazität, 369 bhp und eine WLTP-Reichweite von bis zu 385 Meilen.
  • P10: Dual-Motor mit Allradantrieb (AWD), 91 kWh Batterie, 503 bhp und 410 Meilen Reichweite.
  • P12: Bislang noch ungetestet, ebenfalls Dual-Motor, aber mit einer massiven 112-kWh-Batterie und fulminanten 671 bhp. Dies ist das Modell, für das Volvo eine Reichweite von „bis zu“ 503 Meilen verspricht. Der Spurt von 0 auf 62 mph (100 km/h) gelingt in 3.9 Sekunden. (Zur Einordnung: Ein Ferrari F40 ist nur 0,2 Sekunden schneller auf 62 mph – die Zeiten haben sich gewaltig geändert!)

Außendesign und Aerodynamik

Optisch präsentiert sich der EX60 im typischen Stil zeitgenössischer Volvos: klar, selbstbewusst gezeichnet und unverkennbar skandinavisch. In einem Meer aus eintönigen Crossover-Einheitsbrei sticht Volvo hervor. Die „Thors Hammer“-Scheinwerfer und die sanft gezeichnete Frontpartie gefallen auf Anhieb. Elektroautos laufen stets Gefahr, wie formlose Seifenstücke auszusehen, doch das Volvo-Emblem setzt Akzente, während der untere Lufteinlass für Dynamik sorgt. Ein aktives Klappensystem reguliert den Kühlluftbedarf.

Auffällig ist die besonders saubere Silhouette des EX60. Das liegt unter anderem daran, dass es keine konventionellen Türgriffe gibt. Stattdessen kommen sogenannte „Wing-Grip“-Griffe zum Einsatz, die den Design-Faktor erhöhen und gleichzeitig die Aerodynamik verbessern. Das Entriegeln erfolgt über einen digitalen Smartphone-Schlüssel oder einen Key-Tag – das funktioniert im Alltag überraschend gut.

Ein echter Meilenstein für Volvo: Dank der neuen SPA3-Plattform und der sogenannten „Cell-to-Body“-Architektur ist der EX60 leichter und kostengünstiger in der Produktion. Statt Zellen in Module zu gruppieren und auf ein separates Chassis zu schrauben, werden die Zellen beim EX60 direkt gestapelt, sodass das Akkupaket als tragendes Element in die Fahrzeugstruktur integriert wird. Das erhöht die Energiedichte, reduziert Emissionen und verkürzt die Ladezeiten. Bemerkenswert: Der physisch kleinere EX60 P12 AWD bietet mehr Batteriekapazität und Reichweite als der siebensitzige EX90.

Ladeleistung und Bidirectional Charging

Wie bereits in früheren Tests betont, ist die Ladegeschwindigkeit im Alltag oft wichtiger als die reine Gesamtreichweite. Der EX60 arbeitet mit einer 800-Volt-Architektur, die es dem P12 AWD ermöglicht, an einer geeigneten 400-kW-Schnellladesäule in nur 10 Minuten frische Energie für 210 Meilen Reichweite aufzunehmen. Zudem ist Volvos elektrischer Antrieb der dritten Generation bidirektional ausgelegt – man kann den Strom also nutzen, um das eigene Haus zu versorgen oder Energie ins Netz zurückzuspeisen.

Fahreindruck und Performance

Auf der Straße zeigt sich der EX60 extrem geschmeidig, hochraffiniert, wenn auch ein wenig distanziert. Er bietet den Komfort und das Wohlbefinden, das man sonst von wesentlich teureren Oberklassefahrzeugen gewohnt ist. Das anfangs gewöhnungsbedürftige, sehr kleine Lenkrad ist präzise, frei von totem Spiel und erfordert nur geringen Kraftaufwand.

Durch bündige Verglasung, flachen Unterboden und Akustikschaum in den Hohlräumen sowie aktive Geräuschunterdrückung ist es im Innenraum flüsterleise. Im Touchscreen lässt sich das Fahrwerk in den Modi *Soft*, *Standard* und *Firm* anpassen. Der „Soft“-Modus federt Unebenheiten wolkenweich ab, während *Firm* im Vergleich zu straff ausfällt. Die verschiedenen Regenerationsstufen (*Off*, *Low*, *High*, *Auto*) bieten maximale Flexibilität.

Im realen Test verbrauchte der Single-Motor P6 (WLTP-Ziel: 4,2 mi/kWh) im Schnitt 3,7 mi/kWh, womit realistische 300 Meilen aus der 80-kWh-Batterie machbar sind. Der P10 AWD (4,0 mi/kWh versprochen) kam im Mix auf 3,6 mi/kWh, was bei moderaten Temperaturen rund 330 echte Meilen ermöglicht.

Sicherheitstechnologie

Sicherheit bleibt das zentrale USP von Volvo, untermauert durch den Sicherheitsgurt-Schriftzug „since 1959“. Das langfristige Ziel lautet, dass niemand mehr in einem neuen Volvo ernsthaft verletzt oder getötet wird – und im Idealfall sollen Kollisionen gänzlich vermieden werden. Dafür greift der EX60 auf fünf Kameras, fünf Radarsysteme und 12 Ultraschallsensoren zurück.

Ergänzt wird dies durch das **Driver Understanding System**, das mittels Innenkameras, Infrarotsensoren und kapazitiven Sensoren am Lenkrad erkennt, ob der Fahrer übermüdet, abgelenkt oder beeinträchtigt ist. Das System arbeitet deutlich unaufdringlicher als bei vielen Konkurrenten. Die Batterie selbst sitzt geschützt im Fahrzeugmittelpunkt, so weit wie möglich von den Deformationszonen entfernt.

Innenraum und Bedienung

Das Interieur strahlt eine bewusste Ruhe aus. Hochwertige Materialien wie recyceltes Polyester am Armaturenbrett, bio-basiertes Nordico an Sitzen und Türverkleidungen sowie edles Holz (*rubus fused*) prägen den Raumeindruck. Optional stehen perforiertes Nordico, Wolle oder ethisch beschafftes Nappa-Leder zur Wahl. Eine durchdachte Ambientebeleuchtung mit sechs Themen minimiert den Blauanteil im Licht, um die Augen zu schonen.

Das Infotainment wird über einen gebogenen, 15,04 Zoll großen Querformat-Touchscreen sowie ein kleineres 11,4-Zoll-Fahrerdisplay gesteuert. Dank des HuginCore-Chips gibt es keinerlei Verzögerungen. Die Auslagerung von Kernfunktionen wie Sitz-, Spiegel- und Lenkradverstellung in Menüs erfordert zwar Eingewöhnung, doch dank Fahrerprofilen stellt man dies in der Regel nur einmal ein. Das verbaute Google Gemini agiert als beeindruckend natürlicher Sprachassistent.

In puncto Praktikabilität glänzt der EX60 mit üppigem Platz im Fond und einem variablen Kofferraumvolumen von 634 Litern (bei aufgestellten Sitzen inklusive Unterflorfach) beziehungsweise bis zu 1.647 Litern bei umgeklappten Rücksitzen. Der vordere Frunk schluckt zusätzliche 58 Liter.

Fazit von Top Gear

Der Volvo EX60 konzentriert sich auf Qualität, Konnektivität, Praktikabilität und Sicherheit. Er ist ein exzellenter Begleiter, der Familien genauso souverän zum gehobenen Restaurant chauffiert wie er schwere Lasten transportiert. Auch wenn der BMW iX3 fahrdynamisch in manchen Punkten überlegen agiert, markiert der EX60 einen riesigen technologischen Sprung für die schwedische Marke.

Original-Testbericht erschienen auf Top Gear.

 

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