Das Auto von heute ist nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Aufenthaltsort. Volvo-Interieurdesignerin Louise Temin Annermalm erklärt im Interview, wie sie die ideale Balance aus Sicherheit, Komfort und Nachhaltigkeit schafft, ob KI ihre Arbeit wirklich erleichtert und welches eine entscheidende Detail die meisten übersehen.
Volvo denkt Sicherheit seit jeher über das Auto hinaus. 1959 führte der schwedische Hersteller den Dreipunkt-Sicherheitsgurt ein – und gab das Patent frei, damit auch andere davon profitieren konnten. Dieser Gedanke prägt bis heute den Anspruch der Marke: Design soll nicht nur gut aussehen, sondern Menschen ein gutes Gefühl geben.
Wie sich dieser Anspruch im Innenraum übersetzt, erklärt Interieurdesignerin Louise Temin Annermalm im Gespräch. Denn das Interieur ist längst mehr als eine schöne Kulisse: Es ist der Raum, in dem wir unterwegs arbeiten, abschalten und ankommen. Die Designerin spricht im GQ-Interview über die Relevanz von Vertrauen und Geborgenheit, nachhaltige Materialien und künstliche Intelligenz – und darüber, wie Technik sich so selbstverständlich einfügen kann, dass die Beziehung zwischen Mensch und Raum im Mittelpunkt bleibt.
Interieur-Design 2.0: Zwischen technischer Möglichkeit und menschlichem Bedürfnis
GQ: Frau Annermalm, wie beginnt die Entwicklung eines neuen Interieurs – mit einer Vision, einer technischen Möglichkeit oder der Beobachtung menschlicher Bedürfnisse?
Louise Temin Annermalm: Meistens mit einem menschlichen Bedürfnis. Wenn wir einen Innenraum gestalten, erschaffen wir ein Umfeld, in dem sich Menschen wohl und sicher fühlen sollen. Dafür beobachten wir diejenigen, die diesen Raum später nutzen. Wir wollen verstehen: Was macht eine Reise angenehm? Wo entsteht störende Reibung? Was bringen die Menschen mit ins Auto, wie nutzen sie das Platzangebot und welche Erwartungen hegen sie? Das Verständnis für den Menschen steht immer am Anfang. Beim neuen EX60 war es unser erklärtes Ziel, eine Atmosphäre von gelassener Klarheit und Fokus zu kreieren. Der Raum soll intelligent unterstützen, ohne Aufmerksamkeit zu rauben – damit der Kopf frei bleibt für das Wesentliche: das Fahren, gute Gespräche und das gemeinsame Erlebnis.
Wie übersetzen Sie abstrakte Werte wie Sicherheit, Vertrauen und Nachhaltigkeit in konkrete Formen und Haptiken?
Sicherheit manifestiert sich im Design durch Klarheit und Übersicht – den freien Blick nach außen wie nach innen. Sowie durch intuitive Bedienelemente, die sich ganz natürlich in den Fahrfluss einfügen. Vertrauen entsteht primär über die Materialien: Sie müssen ehrlich, hochwertig und authentisch sein. Sie müssen sich genauso anfühlen und verhalten, wie man es erwartet. Funktionalität spielt hier eine Schlüsselrolle: Funktioniert etwas exakt so, wie man es antizipiert, entsteht Vertrauen. Nachhaltigkeit wiederum beeinflusst die Materialauswahl und die Konstruktion: Wenn wir Komponenten intelligenter gestalten, verbrauchen wir weniger Ressourcen, bündeln Funktionen und reduzieren Komplexität.
„Sicherheit manifestiert sich im Design durch Klarheit und Übersicht – den freien Blick nach außen wie nach innen.“
Louise Temin Annermalm
Das besondere Detail hinter der Designphilosophie
Gibt es ein Detail im Interieur, das Ihre persönliche Designphilosophie auf den Punkt bringt?
Im Automobildesign ist es fast immer die Balance der Elemente, die einen Raum intuitiv und zugleich faszinierend macht. Beim EX60 verleiht das asymmetrische Holzdekor dem Innenraum eine subtile, natürliche Eleganz, die fließend durch die Kabine verläuft. In Kombination mit der logischen, selbsterklärenden Anordnung der Bedienelemente entsteht eine Atmosphäre, in der man sich sofort verstanden und aufgehoben fühlt.
Was haben Sie im Laufe Ihrer Karriere über die emotionale Beziehung zwischen Mensch und Raum gelernt?
Dass man ein Auto emotional erlebt, lange bevor man es rational analysiert. Beim Einsteigen spürt man sofort: Wie wirkt dieser Raum? Ist er offen und weit oder eher beengt? Fühlt man sich willkommen? Als Designer können wir diese Wahrnehmung und den empfundenen Wert mit feinsten Nuancen steuern. Proportionen, Lichtführung, Materialien und nahtlose Übergänge machen den Unterschied. Gutes Design braucht keine Gebrauchsanweisung – man steigt ein, orientiert sich intuitiv und versteht den Raum augenblicklich.
Was macht einen Innenraum wahrhaft emotional?
Die Haptik und die Oberflächenstrukturen im Zusammenspiel mit der Form hinterlassen bei mir den stärksten Eindruck. Ein schönes Material allein erzeugt noch keine Emotionen – es gewinnt erst durch seine Ausformung, die Inszenierung durch Licht und das Zusammenspiel mit anderen Texturen an Bedeutung. Hinzu kommen Proportionen, Akustik und Lichtstimmungen. Wenn all diese Details harmonieren, entsteht eine emotionale Bindung zum Fahrzeug. Es stellt sich das Gefühl ein: „Dieser Raum versteht mich.“
Das Fahrzeug als privater Rückzugsort
Das Auto ist längst kein reines Transportmittel mehr, sondern ein privater Rückzugsort. Wie verändert das Ihre Arbeit?
Wir gestalten Autos heute für viel mehr als nur für die reine Fahrt. Das Fahrzeug begleitet den Menschen vor, während und nach der Reise. Es wird genutzt zum Nachdenken, Entspannen, zur Vorbereitung auf Meetings oder einfach für einen ruhigen Moment für sich selbst. Gleichzeitig muss das Auto im Kern immer ein Auto bleiben. Es geht darum, das Interieur weiterzuentwickeln, ohne die unverwechselbare Identität des Fahrzeugs zu verlieren.
„Wir gestalten Autos heute für viel mehr als nur für die reine Fahrt. Das Fahrzeug begleitet den Menschen vor, während und nach der Reise. Es wird genutzt zum Nachdenken, Entspannen, zur Vorbereitung auf Meetings oder einfach für einen ruhigen Moment für sich selbst.“
Louise Temin Annermalm
Welche Bedürfnisse muss ein moderner Innenraum über Komfort und Funktionalität hinaus erfüllen?
Komfort und Funktionalität bilden das Fundament – das setzt man in der Premiumklasse voraus. Darüber hinaus kreieren wir Erlebnisse, die Freude bereiten, mentale Klarheit schaffen und ein Gefühl von Souveränität vermitteln. Das Interieur soll dabei helfen, Informationen mühelos zu verarbeiten, ohne zu überfordern. Es muss sich flexibel an unterschiedliche Passagiere und Lebenssituationen anpassen.
Ein Auto ist ein intimer, privater Raum – wird aber von ganz verschiedenen Menschen genutzt. Wie lösen Sie diesen Widerspruch?
Über die physische Architektur: Alles, was man sieht und berührt, ist inklusiv und intuitiv gestaltet. Unterschiedlichste Menschen sollen einsteigen und sich sofort zurechtfinden. Ergänzt wird dies durch intelligente Personalisierung – von der Sitzposition bis hin zu individuellen Einstellungen. Das Ziel ist jedoch nicht ein maßgeschneiderter Solitär für eine einzelne Person, sondern ein stimmiges, harmonisches Gesamtumfeld, das jeden Nutzer willkommen heißt.
Die Bedeutung von Haptik, Duft und Akustik
Welche Rolle spielen sensorische Reize wie Haptik, Duft und Akustik?
Eine fundamentale, denn wir nehmen einen Raum mit dem gesamten Körper wahr, nicht nur mit den Augen. Eine edle Haptik vermittelt augenblicklich Qualität und Geborgenheit. Die Akustik wiederum prägt maßgeblich unser Wohlbefinden und unsere Konzentrationsfähigkeit. Ein leiser, akustisch geschützter Raum entspannt – und das ist nicht zuletzt ein wesentlicher Sicherheitsfaktor.
Wie haben sich diese sinnlichen Wahrnehmungen in den letzten Jahren verändert?
Mit der Elektromobilität fallen Geräusche des Verbrennungsmotors und auch die dadurch bedingten klassischen Vibrationen weg. Dadurch treten andere Nuancen in den Vordergrund. Man nimmt feine Geräusche, Materialstrukturen und die Atmosphäre im Innenraum viel intensiver wahr. Das eröffnet uns neue gestalterische Freiheiten, steigert aber auch die Anforderungen: Alle sinnlichen Eindrücke müssen noch präziser aufeinander abgestimmt werden.
Welche Chancen und Herausforderungen bietet die Elektromobilität für Sie als Designerin?
Sie erlaubt uns, Proportionen und Raumaufteilung völlig neu zu denken. Da wir nicht mehr an die Anordnung von Motor und Getriebetunnel gebunden sind, entstehen flachere, offenere und flexiblere Architekturen. Das verändert auch das Fahrgefühl selbst: Es wird leiser und unmittelbarer. Und weil Störgeräusche entfallen, steigen die Ansprüche an Akustik und Verarbeitung spürbar.
Sinnlicher Luxus vs. ökologischer Fußabdruck
Wie navigieren Sie zwischen sinnlichem Luxus und einem möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck?
Luxus definiert sich für uns nicht über die maßlose Fülle von Material. Wahrer Luxus entsteht durch stimmige Proportionen, Authentizität, Komfort und die Qualität des Gesamterlebnisses. Ein stilsicher ausgearbeitetes Detail, natürliche Veredelungen und intelligent konstruierte Komponenten wirken oft wesentlich eleganter und raffinierter als aufgesetzter Prunk.
„Wahrer Luxus entsteht durch stimmige Proportionen, Authentizität, Komfort und die Qualität des Gesamterlebnisses. Ein stilsicher ausgearbeitetes Detail, natürliche Veredelungen und intelligent konstruierte Komponenten wirken oft wesentlich eleganter und raffinierter als aufgesetzter Prunk.“
Louise Temin Annermalm
Welche Werkstoffe oder Prozesse werden das Auto-Interieur der Zukunft nachhaltig prägen?
Vor allem smarte Materiallösungen. Es geht nicht nur darum, neuartige Werkstoffe einzusetzen, sondern bestehende effizienter zu nutzen und Mehrfachfunktionen zu integrieren. So sparen wir Ressourcen bei gleichbleibend hoher Langlebigkeit und Haptik. Nachhaltigkeit darf kein Kompromiss sein, sondern muss selbst Teil des Premium-Erlebnisses werden.
Welche Bedeutung hat die Personalisierung künftig?
Eine zentrale. Die besten Lösungen bieten eine spürbare Individualisierung, ohne die ästhetische Klarheit des Raumes zu stören. Personalisierung darf nicht wie ein nachträgliches Gadget wirken, sondern muss organischer Bestandteil der Architektur sein. Das Resultat bleibt gewohnt aufgeräumt, intuitiv und souverän.
Welche Elemente des Automobildesigns werden verschwinden – und was bleibt?
Viele glauben, dass echtes Handwerk im Zeitalter von VR und KI an Bedeutung verliert. In Wahrheit basiert unser Designprozess nach wie vor auf physischen Tonmodellen, die wir von Hand formen, verfeinern und mit realen Stoffen beziehen. Der Mensch spürt intuitiv, was von menschlicher Hand geschaffen wurde. Je digitaler die Welt wird, desto wertvoller werden Räume, die unsere Sinne durch Wärme, Haptik und handwerkliche Hingabe berühren.
„Je digitaler die Welt wird, desto wertvoller werden Räume, die unsere Sinne durch Wärme, Haptik und handwerkliche Hingabe berühren.“
Louise Temin Annermalm
Die Rolle von KI im Fahrzeugdesign der Zukunft
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz im Designprozess der Zukunft?
Für mich als Designerin ist KI primär ein hochpotentes Werkzeug im Entwicklungsprozess – nicht das Element, das das finale Erlebnis bestimmt
