Wir sind mit dem EX90 von Volvo von Berlin ans Mittelmeer gefahren – und lernten das Alpen-Paradoxon und immerwährende Ladevorgänge kennen.
Bei unseren bisherigen Praxistests von Elektroautos haben wir uns selten ins Ausland gewagt. Doch in diesem Sommer wollten wir wissen, ob es mit einem E-Auto problemlos möglich ist, mit fünf Personen und viel Gepäck ans Mittelmeer zu fahren. Die Wahl des Testautos fiel auf den EX90 von Volvo, der mit einer Länge von 5,04 Metern ausreichend Platz bietet. Aber würde das Riesen-SUV auch überall laden können? Und vor allem durch die vielen engen Straßen in den italienischen Bergdörfern passen?
Zwar ist der EX90 schon seit zwei Jahren auf dem Markt. Doch in diesem Frühjahr erhielt das elektrische Topmodell von Volvo ein wichtiges Upgrade. Dank eines 800-Volt-Systems lädt der Sechs- bis Siebensitzer mit bis zu 350 Kilowatt an einem Schnelllader. Zudem stattet der schwedisch-chinesische Hersteller, der zum Geely-Konzern gehört, das SUV nun mit zwei Nvidia Drive-AGX-Orin-Prozessoren aus. Zuvor galt die Software als notorisch fehleranfällig, wie Consumer Reports im Juli 2025 berichtete.
Hohe Ladegeschwindigkeit möglich
Um eine möglichst große Reichweite zu nutzen, fragten wir die Hinterradversion des EX90 an. Denn diese verbrauchen in der Regel weniger Strom als die Allradversionen mit zwei Motoren. Allerdings haben wir dabei übersehen, dass diese Version nur über einen Akku mit einer Kapazität von 90 Kilowattstunden (kWh) verfügt. Das sind deutlich weniger als die 104 kWh vor dem Upgrade. Die Allradversionen können hingegen 103 kWh nutzen, was die WLTP-Reichweite um rund 50 km auf bis zu 625 km erhöht. Ursprünglich verfügte die Allradversion über 111 kW Speicherkapazität.
Beide Batterieversionen können aber nun in 22 Minuten von 10 auf 80 Prozent der Akkukapazität laden. Daher sollte es möglich sein, auch mit dem 90-kWh-Akku eine Strecke von mehr als 1.000 km ohne zeitraubende Ladestopps zurückzulegen. Vorausgesetzt, es gibt genügend Schnelllader mit 800 Volt auf der Strecke. Vor allem in Italien.
Zwei Ladeapps sollten reichen
Darüber hinaus galt es vor der Fahrt zu klären, ob es am Zielort genügend Lademöglichkeiten gibt. Eine erste Recherche mit Google Maps ergab, dass sich in der Nähe mehrere Stationen der Anbieter Duferco Energia (D-Mobility) und Plenitude on the Road befinden. Daher entschied ich mich dafür, mich bei beiden anzumelden, um deren Apps zu nutzen. Diese gibt es auch mit deutscher Sprachversion. Als Zahlungsmittel ist eine Kreditkarte erforderlich. In beiden Fällen ist Roaming mit anderen Ladenetzbetreibern möglich, beispielsweise mit dem italienischen Energieversorger Enel. Aber nicht alle Ladesäulen tauchen in beiden Apps auf.
Zur Sicherheit bestellte ich bei Duferco zum Preis von 14,90 Euro noch eine Ladekarte, falls die App aus irgendwelchen Gründen nicht funktionieren sollte. Der Zeitraum von zwei Wochen vor Beginn der Fahrt schien mir ausreichend. Doch anstatt die Karte loszuschicken, fragte Duferco eine Woche später nach, ob ich diese auch WIRKLICH haben wolle oder ob dies ein Versehen gewesen sei. Auf Nachfrage hieß es dann, dass die Karte nicht mehr rechtzeitig vor Fahrtbeginn im Ausland zugestellt werden könne. Daher wurde die Bestellung wieder storniert. Das blieb leider nicht das einzige kuriose Erlebnis mit Duferco, wie sich noch zeigen sollte.
Doch zunächst galt es, das Gepäck zu verstauen und das Mittelmeer zu erreichen.
Viel Platz für Passagiere und Gepäck
Beim Siebensitzer lassen sich per Knopfdruck die Sitze der dritten Reihe umklappen. Dann gibt es hinter der zweiten Reihe einen Stauraum von knapp 700 Litern. Dazu zählt auch ein recht großes Fach unter der Kofferraumabdeckung. Unter der Fronthaube stehen weitere 49 Liter zur Verfügung. Hinter der zweiten Reihe lässt sich ein Netz aufspannen, so dass sich die Gepäckstücke stapeln lassen, ohne bei einer Vollbremsung nach vorne zu schleudern.
Vor dem Start in den Süden zeigte das 9 Zoll große (oder besser gesagt kleine) Fahrerdisplay eine Reichweite von 380 km bei vollem Akku an. Das lag wohl an der zügigen Fahrweise des Überführers und sollte durch ein gemächlicheres Tempo zu übertreffen sein.
Bei einem cw-Wert von 0,29 und einer Stirnfläche von 2,87 qm sind Verbrauchswerte von unter 20 kWh pro 100 km auf der Autobahn nur mit niedrigem Tempo zu erreichen. Dazu tragen auch das Leergewicht von 2.555 kg nebst Zuladung von etwa 450 kg bei. Zudem steht der EX90 hinten auf sehr breiten 295er-Reifen. Würden wir mit dem „Schiff“ überhaupt ohne Zwischenstopp über die Alpen kommen?
Fahrerdisplay wird plötzlich schwarz
Schon nach einer Stunde Fahrt schienen sich unsere Befürchtungen zur fehleranfälligen Software zu bestätigen. Das Fahrerdisplay wurde plötzlich schwarz und ließ sich während der Fahrt nicht mehr zum Leben erwecken. Zum Glück zeigte das serienmäßige Head-up-Display ebenfalls das Tempo an. Sonst wären wir gezwungen gewesen, einen Parkplatz aufzusuchen. Nach dem Ein- und Ausschalten des Autos funktionierte das Display wieder und fiel in den folgenden zweieinhalb Wochen nicht mehr aus.
Neben dem Fahrerdisplay verfügt der EX90 noch über einen 14,5 Zoll großen berührungsempfindlichen Zentralbildschirm im Hochformat. Haptische Bedienelemente sucht man bis auf den Lautstärkeregler in der Mittelkonsole vergebens. Wie bei Tesla lassen sich die Außenspiegel nur mithilfe des Bildschirms einstellen. Das Handschuhfach lässt sich ebenfalls nur per Touchscreen öffnen.
Gespart hat sich Volvo zudem die separaten Tasten für die Fensterheber. Bei einer Basisausstattung für rund 89.000 Euro wäre mehr zu erwarten, wobei sich die Umschalttaste gut und intuitiv bedienen lässt.
Das gilt allerdings nicht für die Klimatisierung.
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