Die Lektion in Sachen Luxus:
Die typischen Merkmale eines Autos, das für sich in Anspruch nimmt, zur automobilen Oberklasse zu gehören, sehen heute anders aus als noch vor einem Jahrzehnt.
In den goldenen Zeiten tonischer Luxusmodelle wurden die Innenräume von Statussymbolen durch eine Fülle von Knöpfen, riesige Flächen aus Zierholz (ob echtes Holz oder Imitat) und meterweise Leder definiert.
Heutzutage haben sich Käufer im Premium-Segment an eine einfachere, reduziertere Herangehensweise gewöhnt. Größere Bildschirme, fast keine physischen Tasten mehr und Materialien mit Recycling-Ansätzen, die auf den Gedanken der Kreislaufwirtschaft einzahlen, sind zum neuen Standard geworden.
Man nehme zum Beispiel den neuen BMW iX3 mit seinem aufgeräumten Armaturenbrett, futuristischen Displays über die gesamte Breite der unteren Windschutzscheibe und tierfreien Polsteroptionen. Weitreichende Bildschirme und fast völlige Tastenlosigkeit sind zum Standard geworden – wie auch beim neuen BMW iX zu sehen.
Eine Probefahrt im Volvo XC90 erinnerte mich erst kürzlich wieder an dessen Rolle als Pionier des minimalistischen Luxus.
Der Vorreiter aus dem Jahr 2014
Denn als die erste Iteration des aktuellen XC90 im Jahr 2014 auf den Markt kam, legte sein Innenraum den Grundstein für eine Design-Schablone, die viele Konkurrenten – einschließlich deutscher Hersteller – in der Folge übernehmen sollten.
Eines der großen Gesprächsthemen zu jener Zeit war sein Sensus Connect Infotainment-Bildschirm. Man darf nicht vergessen: Das war die Ära, in der das iPad ein absolutes Must-have war, und ein ähnlich großer, vertikaler Bildschirm, der nahtlos in das Armaturenbrett integriert war, war damals eine echte Neuheit.
Die Benutzeroberfläche bündelte sämtliche Funktionen – selbst die Steuerung des Belüftungssystems, die bei Vorgängermodellen noch über traditionelle Drehregler bedient wurde. Heutzutage greift nahezu jedes moderne Auto diesen Ansatz auf.
Traditioneller Luxus trifft auf Moderne
Was die klassische Definition von Luxus angeht, hat sich der XC90 nie lumpen lassen – und das gilt auch für diese jüngste Generation. Man bekommt nach wie vor kräftige, anschmiegsame Ledersitze, verschiedene Zierelemente (sogar echtes Holz) und kristalloide Details, die einen Hauch von Glamour versprühen.
Man sollte dabei nicht vergessen: Obwohl er im Laufe seines Lebenszyklus diverse Modellpflege-Maßnahmen erhalten hat, ist der XC90, der nach wie vor zum Verkauf steht, technologisch bereits über ein Jahrzehnt alt.
Inzwischen hat Volvo längst neuere, noch futuristischere Modelle in sein Portfolio aufgenommen – wie die rein elektrische Limousine ES90, die auf dem ursprünglichen, vom XC90 etablierten Innenraum-Template aufbaut. Ähnliche Wege gehen inzwischen sogar budgetfreundliche chinesische Autos wie der Chery Tiggo 4 Pro.
XC90 vs. ES90: Wo liegt der Sweet Spot?
Es lässt sich durchaus argumentieren, dass das Nutzererlebnis beim XC90 einen idealen „Sweet Spot“ trifft – im Vergleich zur extremen Digitalisierung der ES90-Limousine, die erst kürzlich auf dem Prüfstand stand.
Während der XC90 beispielsweise nach wie vor vertraute, haptische Bedienelemente für die Einstellung von Außenspiegeln und Lenkrad bietet, verlangt der ES90, dass man sich für diese kleinen Anpassungen tief in Menüs auf dem Bildschirm einwühlen muss. Das kann im ersten Moment hinterm Steuer durchaus einschüchternd wirken.
Auch bei den Berührungspunkten zeigt sich ein Unterschied: Obwohl minimalistisch, genügen einige Details beim ES90 schlicht nicht dem Standard, den man von einem Luxusgut erwarten darf. Ich spreche hier insbesondere vom Autoschlüssel.
Beim XC90 ist er ein schwerer, in Leder eingefasster Block mit filigranen Metalldetails. Der neuere ES90 hat diesen zugunsten eines tastenlosen Plastikstücks aufgegeben, das das Fahrzeug komplett kabellos verriegelt und entriegelt.
Der Charme des Bewährten
Hat man sich erst einmal an die zukunftsweisende Bedienung des ES90 gewöhnt, merkt man allerdings, dass sie in viellei Hinsicht exzellent ist. Der vertikale Bildschirm besitzt eine atemberaubende Qualität – die Vielfalt an Apps und Funktionen ist locker auf dem Niveau modernster Smartphones.
Genau das war auch das Ziel: eine nahtlose Integration der eigenen Endgeräte. Man kann sich über das ES90-Interface in sein Google-Profil einloggen, hat Zugriff auf E-Mails und alles Drum und Dran, sodass man permanent vernetzt ist.
Und wenn einem das alles einmal zu viel wird, gibt es einen eigenen „Ruhemodus“ (Calm Mode), der nahezu alles abschaltet und einen an eine Zeit erinnert, in der ein Auto schlicht ein Fortbewegungsmittel und kein rollendes Büro war.
Wenn Sie also das nächste Mal in ein modernes chinesisches Großserienfahrzeug mit großem Hochkant-Display und fast gänzlich fehlenden Tasten steigen, gedenken Sie des XC90 und seines Design-Pioniergeists, der vor vielen Jahren den Grundstein gelegt hat.
Quelle / Originalartikel: Wanted Online – The Volvo XC90’s Lesson in Luxury
