Mit Gemini zieht Googles modernste Sprach-KI in den Volvo EX60 ein. Navigation, Fahrzeugfunktionen und Wissensfragen sollen sich natürlich per Sprache erledigen lassen. Der Praxistest zeigt, wie gut das heute schon klappt.
In einem anderen Artikel haben wir schon ganz besondere Details des Volvo EX60 abseits der neuen Infotainment-Generation vorgestellt. Die Bedienoberfläche wurde neu gestaltet und macht wichtige Funktionen schneller erreichbar. Erstmals kommt die neue Rechenplattform „HuginCore“ zum Einsatz. Das System liefert 254 TOPS (Billionen Operationen pro Sekunde) und gehört zu den leistungsstärksten Fahrzeugrechnern, die derzeit in Serienautos eingesetzt werden. Das ist ein Vielfaches der KI-Rechenleistung moderner Smartphones und bietet genügend Reserven für Sprach-KI, Fahrerassistenzsysteme und künftige Softwarefunktionen. Der Vergleich hinkt etwas, aber für ein iPhone 17 Pro Max liegen Schätzungen im Bereich von rund 50 TOPS. TOPS stehen vor allem für die Fähigkeit, große Mengen an Sensordaten, Sprachbefehlen und KI-Anfragen in Echtzeit zu verarbeiten.
Laut Pressemappe gehört die Integration von Gemini zu den Highlights des Volvo EX60:
„Als erstes Modell der Marke ist das vollelektrische Premium-SUV mit Gemini ausgestattet, dem neuen KI-Assistenten von Google. Gemini ist tief in das Fahrzeug integriert und ermöglicht natürliche und personalisierte Gespräche, ohne dass man sich bestimmte Befehle merken muss.“
Gemini soll die klassische Sprachsteuerung durch eine natürlichere Gesprächsführung ersetzen. Fahrer sollen Fahrzeugfunktionen, Navigation, Musikdienste oder Internetanfragen in Alltagssprache bedienen können, ohne feste Sprachbefehle lernen zu müssen. Auch die Steuerung vernetzter Smart-Home-Geräte ist vorgesehen. Entscheidend ist im Alltag, wie zuverlässig die Sprach-KI funktioniert. Genau das haben wir exemplarisch ausprobiert.
Navigation
Fragen wie „Navigiere mich zum Hamburger Hauptbahnhof“, „Bring mich zum nächsten Volvo-Händler“, „Wo ist hier die nächste Schnellladestation?“, „Fahre mich zum nächstgelegenen IKEA“ oder „Navigiere zur nächsten Raststätte“ bereiteten dem Volvo keine Probleme. Die Berechnung ging ruckzuck. Man sieht die Route als Vorschau auf dem Display und muss nur bestätigen.
Prima: Auf die Anweisung „Fahr mich zum Flughafen Hamburg“ wollte es Gemini noch genauer wissen und fragte zurück, welches Terminal es genau sein soll. Das konnte man einfach auswählen.
Probleme gab es bei komplexeren Anfragen. Während „Ich möchte einen guten Italiener in der Nähe“ gleich verarbeitet wurde, sorgte der Zusatz „… mit Parkplatz“ schon für Unverständnis. Und auch das Ergebnis für „Zeig mir eine Ladestation auf dem Weg nach Bremen“ war nicht optimal, denn es war einfach die nächstgelegene Ladesäule und nicht eine im weiteren Verlauf der Route. Und während „Plane eine Route nach Berlin“ sofort umgesetzt wurde, führte die zusammengesetzte Anfrage „Plane eine Route nach Berlin mit möglichst kurzem Ladestopp“ zu keinem Ergebnis. Und selbst die vermeintlich simple Frage: „Wo kann ich hier einen Kaffee trinken?“ wurde nicht verstanden.
Erfreulich: Auf die Frage: „Wieviel Prozent sind noch im Akku?“ kam nicht nur die korrekte Antwort „95 Prozent“, sondern Gemini beantwortete auch: „Wie weit komme ich mit dieser Akkuladung?“ mit „Mit der verbleibenden Akkuladung kannst du noch 520 km fahren.“
Klima-Steuerung
Auf die Aussage: „Mir ist warm“ entgegnete Gemini: „Dann ist es Zeit für eine Abkühlung.“ – aber ohne Änderung der Klimaeinstellung. Mittelprächtig spezifische Ansagen wie „Mir ist kalt“, „Mir ist heiß“, „Ich friere an den Händen“, „Kühl den Innenraum bitte schnell runter“ oder „Sorge für frische Luft im Auto“ bleiben ohne Konsequenz. Zumindest letzteres liegt nicht am Verstehen, sondern am Dürfen. Auf die Ansage „Fahr die Scheibe runter“ kam die Antwort: „Ich kann die Fenster nicht steuern.“ Das ist so gewollt und berührt einen Bereich, der herstellerseitig als sicherheitsrelevant eingestuft wird.
Die folgenden Anfragen wurden alle umgehend ausgeführt:
- „Mach es etwas wärmer“
- „Stell die Temperatur auf 22 Grad“
- „Mach die Klimaanlage an/aus“
- „Stell den Lüfter auf die kleinste Stufe“
- „Aktiviere die Sitzheizung (für den Beifahrer)“
- „Mach die Lenkradheizung an“
- „Mach es hinten etwas wärmer“
Alltagsfragen
Keine Probleme gab es bei „Wie wird das Wetter heute in Hamburg?“, „Wo steht der DAX heute?“, „Wann beginnt die IFA in Berlin?“ oder „Wer hat Volvo gegründet?“. Aber auf „Wie viele Einwohner hat Göteborg?“ hatte Gemini dann keine Antwort. Eine Antwort gab es auch nicht auf die Frage „Wie weit ist es noch bis München?“. Hier wurde gleich die Route berechnet und man hätte die Navigation starten können, aber es war ja nur die Entfernung gefragt.
Bei den Fragen „Warum haben Elektroautos im Winter weniger Reichweite?“, „Erklär mir den Unterschied zwischen 400- und 800-Volt-Technik.“, „Warum ist Aerodynamik für E-Autos wichtig?“ fing Gemini immerhin an, Webseiten zu zitieren.
Keine Antwort hatte Gemini für die zugegebenermaßen wenig spezifische Aufforderung „Fass mir die wichtigsten Technik-News des Tages zusammen“.
Vera*** du mich etwa?
Der lustigste Moment war, als ich mich bei der zurechtgelegten Frage „Was ist Cell-to-Body-Technologie?“ verhaspelte und mit „Technology“ ins Englische switchte. Die Antwort kam in feinstem Denglisch, also Englisch mit starkem deutschen „Akzent“: „Se Zell tu Badi Teknoleschie…“ Die korrekte Antwort wäre übrigens gewesen, dass das in die Karosseriestruktur integrierte Batteriepaket das Gewicht und die CO2-Bilanz des EX60 verbessert. Dafür hätte Gemini einen Blick in die Pressemappe werfen müssen.
Musikwünsche und Mediensteuerung
Der Testwagen war mit einem iPhone gekoppelt, auf dem Apple Music eingerichtet war. Zumindest in dieser Kombination waren die abgeprüften Musikwünsche leider ein Totalausfall. Ob es am aktuellen Empfang lag, kann ich nicht beurteilen, aber keiner der folgenden Befehle führte zu einem schlüssigen Ergebnis und wurde nur mit „Kein Suchergebnis oder nicht verfügbar.“ abgebügelt:
- „Spiel meine Lieblingssongs“
- „Mach etwas Entspanntes an“
- „Spiel die größten Rock-Hits der 90er“
- „Ich möchte Musik zum Autofahren hören“
- „Spiel die aktuelle Nummer 1 in Deutschland“
- „Mach etwas zum Wachwerden an“
- „Ich möchte Musik für einen Roadtrip“
Auf „Spiel den neuesten Song von Depeche Mode“ erklang „Waiting for the Night“. Das ist zwar von Depeche Mode, aber vom Album „Violator“ aus dem Jahr 1990. Das ist zweifellos ein Top-Album, aber niemals der neuste Song. Auf „Starte eine Playlist für Regenwetter.“ kam die Antwort: „Das Album Regenwetter wird mit Apple Music abgespielt.“ Und auf „Spiel etwas, das wie Coldplay klingt.“ erklang – Sie ahnen es – „Viva la Vida“ von Coldplay. Was lernen wir daraus? Nur Coldplay klingt wie Coldplay.
Einschätzung: Gemini im Volvo EX60
Gemini hebt die Sprachbedienung im Volvo EX60 auf ein neues Niveau. Viele Standardaufgaben funktionieren schnell, zuverlässig und deutlich natürlicher als bei klassischen Systemen. Dennoch scheitert die KI immer wieder an überraschend einfachen oder an komplexeren Anfragen. Dass Funktionen, wie das Herunterfahren der Scheibe, nicht unterstützt werden, kann und muss man so hinnehmen, aber zu oft hat man den Eindruck, dass Gemini nur auf Keywords wie „Berlin“ oder „Depeche Mode“ reagiert und den Kontext wie „Entfernung“ oder „neuester Song“ ignoriert. Einerseits hat Gemini Probleme mit zu unspezifischen Aussagen wie „Mir ist kalt“, andererseits scheinen zusammengesetzte Anforderungen wie „Italiener mit Parkplatz“ zu komplex. So richtig intelligent wirkt das noch nicht, auch wenn die Systemintegration an vielen Stellen schon ein rundes und durchaus intuitives Erlebnis ermöglicht.
Original-Beitrag erschienen auf Computer Bild.
